Cultural appropriation, zu Deutsch kulturelle Aneignung, beschreibt die Übernahme von Elementen anderer Kulturen ohne dessen Hintergründe zu kennen oder zu respektieren. Dieser Prozess kann zwischen beliebigen Kulturkreisen weltweit auftreten. Besondere Probleme entstehen,  wenn es sich um ein besonders wichtiges Element einer Kultur handelt, oder wenn die betreffende Kultur eine Minderheit bildet.

 

Kulturelle Elemente bedeuten für jede*n etwas anderes

Eng verbunden mit dem alleinigen Akt der kulturellen Aneignung ist die Art, wie es von Angehörigen des betreffenden Kulturkreises bewertet wird. Da jede*r einen anderen Bezug zu einem bestimmten kulturellen Element hat gibt es keine eindeutige Antwort darauf, ob etwas unter kulturelle Aneignung fällt und ob es positiv oder negativ zu bewerten ist.

Während für einige Tourist*innen in Indien Fußkettchen modische Mitbringsel sind, symbolisieren sie für viele indische Frauen ihren Eintritt in die Ehe. Natürlich ist dieses Beispiel, wie die meisten anderen auch, nicht schwarz-weiß zu betrachten. Fußkettchen werden in Indien vielerorts nicht nur von verheirateten Frauen getragen, sondern gelten auch als modisches Accessoire für kleine Kinder und junge Mädchen. Genauso tragen nicht alle verheirateten Frauen in Indien Fußkettchen.

Eine weitere umstrittene Angelegenheit ist das in (Nord-)Indien verbreitete „Holi-Festival“, das seit kurzem auch in vielen anderen Ländern der Welt abgehalten wird. Holi ist ein hinduistisches Fest und auch unter dem Namen „Festival der Farben“ bekannt. Es symbolisiert den Sieg des Guten über das Böse, markiert den Frühlingsbeginn und ist für viele auch eine Feier der Ernte. Ein Teil des Fests besteht darin, sich gegenseitig mit bunten Farben zu beschmieren. Mittlerweile hat Holi auch in Teilen Europas Gefallen gefunden. Fast den ganzen Sommer lang sind in verschiedenen Städten Deutschlands Tickets für die Open-Air-Events erhältlich.

 

Kulturraub oder Bereicherung?

Die Debatte über kulturelle Aneignung ist kontrovers – es geht viel um persönliche Erfahrungen und unterschiedliche Weltanschauungen.

Die einen sagen, dass es sich bei der kulturellen Aneignung um einen ganz normalen, fast automatischen Prozess handelt, den man nicht aufhalten kann. Denn Kultur ist nichts Starres, an dem das Weltgeschehen vorbeizieht. Im Gegenteil: Kultur ist fester Bestandteil des Weltgeschehens und deshalb ständig im Wandel. Dabei ist es ganz normal, dass sich Kulturen gegenseitig beeinflussen und dass kulturelle Symbole übernommen und verändert werden. Nur wenn alte Strukturen losgelassen werden, kann Neues entstehen. Daher sehen Befürworter*innen der kulturellen Aneignung darin oft eine Bereicherung.

Hinzu kommt, dass einige kulturelle Elemente ihren Ursprung nicht in einer einzigen Kultur finden; vielmehr sind manche Symbole Bestandteil verschiedener Kulturen und besitzen daher bereits unterschiedliche Bedeutungen. So kann man nur schwer von Bedeutungsverlust eines kulturellen Elementes sprechen.

Gegner*innen dieser Argumentation sehen genau da das Problem: die Übernahme von fremden kulturellen Elementen sollte nicht so selbstverständlich hingenommen werden. Dies kann zu einer Zweckentfremdung führen, welche die ursprüngliche Bedeutung eines Elements verhöhnt oder verdrängt. Oftmals haben kulturelle Elemente eine tiefgehende Symbolkraft, die für den jeweiligen Kulturkreis wichtig ist. Daher sprechen Gegner*innen der kulturellen Aneignung oft von einem “Kulturraub”, besonders wenn eine gesellschaftlich privilegierte Gruppe kulturelle Elemente von Minderheiten übernimmt.

Viele argumentieren zudem, dass kulturelle Aneignung in die Fußstapfen der Kolonialzeit tritt. Schon damals haben sich Kolonialmächte wünschenswertes aus den Kolonien genommen, während die Kolonien oft an der Ausübung ihrer Kultur gehindert wurden. Ähnliche Unterdrückungsstrukturen werden auch im Postkolonialismus im Rahmen von kultureller Aneignung deutlich: während Menschen aus dem Globalen Norden fremde Kultursymbole beliebig adaptieren sowie auch wieder ablegen können, haben Angehörige des betreffenden Kulturkreises diese Freiheit oft nicht. Dabei kann es sich beispielsweise um Symbole handeln, die den Ehestatus einer Frau in Indien demonstrieren (beispielsweise Fußkettchen, Bindi oder Sari). Was für viele Frauen in Indien gesellschaftliche Norm ist, wird von einigen Frauen aus dem globalen Norden aus modischen Gründen getragen.

In diesem Zusammenhang wird auch argumentiert, dass bei Menschen aus dem Globalen Süden das Tragen eines Symbols ihrer Kultur oft als rückständig und “exotisch” angesehen wird, während Menschen aus dem Globalen Norden beim Tragen von Selbigem eher als fortschrittlich und weltoffen gelten. Hinzu kommt, dass die betroffene Kultur oft auf das von anderen Kulturen gemimte Element reduziert wird, so dass Letztere gar nicht die Möglichkeit hat etwas anderes von der betroffenen Kultur kennenzulernen. Das verstärkt Vorurteile.

 

Nur eine pingelige Theorie?

Während auf der einen Seite diskutiert wird, ob kulturelle Aneignung positiv oder negativ zu bewerten ist, geht es für andere mehr um die Existenz der Theorie an sich. Beispielsweise wird kritisiert, kulturelle Aneignung fördere “Schubladendenken”: oft wird an oberflächlichen Merkmalen wie Hautfarbe oder Kleidung festgemacht, wer welcher Kultur angehört und somit auch wer berechtigt sein sollte, bestimmte kulturelle Symbole zu tragen. Das kann zu Segregation führen.

Wenn man also fragt: „Dürfen Weiße Holi feiern?“ wird dieses Schubladendenken unweigerlich weiter befeuert. Unterschwellig wird behauptet, das Holi-Festival sei in gewisser Weise „reserviert“ für indisch-aussehende Menschen. Aber wer sagt, dass alle Menschen mit „indischem Aussehen“ Hindus sind? Wer sagt, dass hellhäutige Menschen keine Hindus sein können? Wer sagt, dass indisch-aussehende Menschen tatsächlich aus Indien kommen, dort leben oder sich mit dem Land identifizieren? Wer sagt, dass dunkelhäutige Menschen keine Christen sein können? Niemand kann aufgrund des Aussehens einer Person beurteilen, ob diese zum Holi-feiern berechtigt sein sollte oder nicht. Auch die Frage nach der „Berechtigung“ ist schwierig. Zum einen ist niemandem anzusehen, in welcher Verbindung er oder sie zu einem bestimmten Kulturkreis steht. Hinzu kommt, dass die Grenzen der Legitimität schwammig sind: adaptiert jemand ein fremdes Kulturelement ist das für die einen Anhänger*innen der betroffenen Kultur kein Problem, während andere selbiges unangebracht finden.

 

Keine Universallösung

Es gibt nicht die eine richtige Antwort. Jede*r sollte für sich persönlich reflektieren, warum man ein bestimmtes Element einer anderen Kultur adaptieren möchte. Bin ich ehrlich interessiert an dem betreffenden Kulturkreis? Oder möchte ich ein bestimmtes Symbol adaptieren, da es mir modisch und “exotisch” erscheint? Außerdem ist es hilfreich zu hinterfragen, wo ein kulturelles Element herkommt und was es dort bedeutet. Welche Auswirkungen hat mein Handeln auf den betreffenden Kulturkreis? Zeige ich durch mein Handeln eher Ignoranz oder Respekt?

Die vielen Fragen zeigen, dass es nicht unbedingt einfach ist für sich selbst den richtigen Weg zu finden. In jedem Fall hilft es, sich mit Menschen aus anderen Kulturkreisen auszutauschen und sie nach ihrer Meinung zu fragen. Am Ende stehen nicht Theorien wie diese im Vordergrund, sondern das gemeinsame Streben nach einem freundlichen und respektvollen Miteinander.

 

TEXT Lisa Knitter

(Photo by Adam Whitlock on Unsplash)

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