„Talaq-Talaq-Talaq“ – drei simpel klingende Worte und die Welt einer muslimischen Frau in Indien ist nicht mehr dieselbe. Die Rede ist von der Talaq-Scheidung, von der Masala bereits in der September Ausgabe 2017 ausführlich berichtete. Das dreimalige Sprechen oder Schreiben des Wortes Talaq befähigt den Mann sich von seiner Ehefrau zu trennen. Diese Scheidungspraxis ist in Indien äußerst umstritten und sorgte in den letzten Jahren immer wieder für heftige Debatten zwischen der Politik, verschiedenen Glaubensgemeinschaften und Frauenrechtsgruppen. Am 22. August 2017 entschied der Supreme Court Indiens mit einer 3/5-Mehrheit, dass die Talaq-Trennung verfassungswidrig ist. Indien folgt mit dieser Entscheidung vielen anderen Ländern dieser Welt, wie beispielsweise Indonesien, Pakistan und Deutschland. Zuvor stand das Recht der Scheidung unter dem All India Muslim Personal Law Board, das der muslimischen Gemeinschaft ermöglicht, ihren religiösen Gesetzen in allen Belangen des Lebens zu folgen. Für die muslimischen Frauen in Indien bedeutet das Gerichtsurteil einen Meilenstein in Richtung Gleichberechtigung. Durch die Talaq-Scheidung drohte vielen in der Vergangenheit binnen weniger Sekunden ihre Familien verlieren zu können – sogar per Email oder Telefonat. Dieser Verlust bedeutet in Indien nicht nur die Kinder an den Ehemann zu verlieren, der in der muslimischen Glaubensgemeinschaft das Sorgerecht erhält. Es heißt oft auch, dass die finanzielle und soziale Sicherheit nicht mehr gegeben ist, denn wie vielerorts sind auch in Indien die Frauen häufig noch finanziell von ihren Ehemännern abhängig und werden nach einer Scheidung nicht selten von der Außenwelt stigmatisiert.
Die Nicht-Regierungs-Organisation PRAJNA Counselling Centre in Mangaluru (Indien) (1) strahlte anlässlich des neuen Scheidungsrechtes eine Radiosendung aus, in der zwei muslimische Frauen, die durch die Talaq-Scheidung gezeichnet wurden, ihr Schicksal mit den Zuhörer*innen teilten. Als kleiner Einblick folgt daraus nun die Geschichte von Frau Dr. Mamtaz*:

Dr. Mamtaz*: Ich bin Ayurveda-Ärztin und habe im Jahr 2014 einen muslimischen Mann geheiratet, der in Dubai arbeitet. Bereits einen Monat nach unserer Hochzeit ist er zurück nach Dubai gegangen und aufgrund unserer muslimischen Tradition bin ich in das Haus seiner Eltern eingezogen. Aber schon nach meinem Einzug hat mir mein Schwager verboten, meinem Job nachzugehen. Er nötigte mich dazu, Hausarbeiten zu machen und Geld aus dem Haus meiner Eltern zu holen. Mein Ehemann hat sein Gehalt regelmäßig auf das Konto meines Schwagers überwiesen, und ich musste meinen Schwager immer wieder um Geld für meine alltäglichen Besorgungen wie z.B. Seife oder Handyaufladungen bitten. Er hat mich und mein komplettes Geld verwaltet.
Die gesamte Familie im Haus ging mit mir nicht wie mit einer Tochter um. Sie behandelten mich als wäre ich eine Servicekraft. […] Einmal haben sie in meiner Anwesenheit meinen Ehemann angerufen und ihn darüber informiert, dass ich mich gegen all die Familienmitglieder*innen auflehnen würde und egoistisch sei. Mein Mann hat mir nicht einmal die Chance gegeben ihm meinen Kummer mitzuteilen. Er hat mir befohlen zu meinen eigenen Eltern zu ziehen.
Nach drei Monaten kam er aus Dubai zu Besuch nach Indien, aber er erzählte mir nichts davon. Dennoch habe ich von seinem Besuch erfahren und bin zu seinem Haus gegangen, wo ich meinen Schwiegervater getroffen habe. Er hat mir gesagt, dass niemand zu Hause sei und dass auch heute niemand mehr kommen würde. Daraufhin hat auch er mich zurück zu meinen Eltern geschickt. Am selben Abend, nachdem mein Vater von der Arbeit kam, habe ich dann mit ihm gemeinsam das Haus meines Ehemannes und seiner Familie besucht. Bei diesem vereinbarten Treffen hat mir mein Mann Bedingungen für mich als seine Ehefrau gestellt: Er hat mir befohlen mich im Haus seiner Eltern so leise wie möglich zu verhalten. Außerdem hat er mir weiterhin verboten meinen Beruf auszuüben. Stattdessen sollte ich zu Hause sein und all die Haushaltstätigkeiten erledigen, die von mir gewünscht und gefordert wurden. Er war auch nicht dazu bereit, mich mit zu ihm nach Dubai zu nehmen. Doch ich habe alle Bedingungen abgelehnt und bin zurück ins Haus meiner Eltern gekehrt. […]
Nachdem daraufhin drei Monate vergangen waren, hat mir mein Mann durch einen Anwalt Scheidungspapiere im gegenseitigen Einvernehmen zugesendet. Aber ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit für die Scheidung – wie könnte diese also gegenseitiges Einvernehmen sein? Gemeinsam mit meinem Vater habe ich einen Anwalt besucht, der mir erklärte, dass die Sachlage sehr heikel sei und mir vorschlug zunächst nicht auf die Post meines Ehemanns zu reagieren. Wir taten was uns der Anwalt riet. Nach einigen Wochen habe ich mich schließlich dazu entschieden meinem Ehemann von Angesicht zu Angesicht entgegenzutreten. Da eine meiner Cousinen ebenfalls ihren Mann in Dubai besuchen wollte, haben wir unsere Reise dorthin gemeinsam geplant. Ich habe meinen Mann in seinem Laden in Dubai aufgesucht, aber er wollte mich nicht einmal wahrnehmen. Schlussendlich hat er mich dazu gezwungen wieder zurück nach Indien zu gehen, was ich getan habe.
Bereits zehn Tage nachdem wir wieder in Indien waren, am 13. Januar 2014, hat er mir auf postalischem Wege das Triple Talaq zugesendet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Traum gehabt mit meinem Ehemann und einer Familie in einem eigenen Zuhause zu leben. Durch das Erlebte sind alle diese Träume verflogen. Die misslungene Ehe hat mich psychisch sehr belastet. Das, was mir widerfahren ist, ist das Schlimmste, was einem Mädchen in meiner Gesellschaft passieren kann.

* Name von der Redaktion geändert

(1) PRAJNA Counselling Centre strahlt alle zwei Wochen die Radiosendung Bharavaseya Belaku („Hoffnungsschimmer“) im Radiosender All Air India Mangalore aus. In dem Programm werden Frauenrechte aufgezeigt, sowie durch erfolgreiche Lebensgeschichten von Frauen Mut gemacht.


TEXT: Paulina Falky und Nanett Bahler

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