„Ich bin Schwarze, Lesbe, Feministin, Kriegerin, Dichterin, Mutter“ – so beschrieb sich Audre Lorde meist, wenn ihr Fragen über ihr Leben gestellt wurden. „Mit diesen Worten hebe ich nur bestimmte, einzelne Teile meines Lebens hervor. Wenn ich wollte, könnte ich auch andere wählen, aber ich finde, dass jene Dinge, die am problematischsten sind, in der Regel auch die Quellen unserer stärksten Macht sind.“, sagte sie im Interview mit Marion Kraft in den 90er Jahren.

Geboren wurde Audre Lorde 1934 in New York. Ihr Lebensweg war alles andere als gewöhnlich. Aufgewachsen als Kind einer von den Grenadinen zugewanderten Arbeiter*innenfamilie, finanzierte sie sich ihr Studium der Bibliothekswissenschaften selbst – die 1950er und 60er Jahre machten es ihr mit den vorherrschenden rigiden Strukturen als Schwarze Frau nicht gerade leicht. Anschließend arbeitete sie, heiratete einen Mann und bekam sogar zwei Kinder – 1970 schied sie sich aber von ihrem Mann und widmete sich mehr ihrer Dichtung, ihrer Arbeit als Dozentin, dem Kampf für die Schwarze Frauenrechtsbewegung und nicht zuletzt ihrer Homosexualität.

 

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Außenseiterin innerhalb der Minderheit

 

Wer in irgendeiner Weise nicht der allgemeinen Mehrheit angehört, sieht sich in den meisten Ländern Formen der Diskriminierung ausgesetzt. Der Effekt verstärkt sich, wenn man selbst innerhalb der Minderheit zu einer (kleinen) Untergruppe gehört – wie Audre Lorde als Schwarze Frau, die ihre Homosexualität offen lebte. Als „Menschen in der Diaspora“ bezeichnet sie Schwarze in Deutschland, und überall sonst auf der Welt – Menschen, die als Teil einer Minderheit von einer andersartigen Mehrheit umgeben sind.

 

Lordes Arbeit in Berlin

Sie selbst kam erst im Frühling 1984 nach Berlin, wo sie einen dreimonatigen Kurs über Schwarze amerikanische Poesie hielt. Lorde wollte durch den Besuch vor allem lernen – über den Kampf der Schwarzen Menschen in Deutschland, ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit der Schwarzen Community in den USA. Aus ihrem ersten kurzen Aufenthalt im Westberlin in den Vorwendejahren wurde eine eigene kleine Liebesgeschichte mit der Stadt. Jedes Jahr verbrachte Lorde einige Wochen oder Monate in Berlin, um sich ihren Mitstreiter*innen, Freund*innen und Kolleg*innen sowie ihrer Poesie zu widmen. Ihre Schüler*innen blühten durch ihre Gegenwart regelrecht auf und beschäftigten sich intensiver mit ihrer Schwarzen Identität in Deutschland. So wurde mit der Gründung der „Initiative Schwarze Deutsche“ (ISD) und maßgeblich durch Unterstützung von Audre Lorde eine explizit Schwarze Frauenrechtsbewegung angestoßen. In ihren Texten und Überlegungen befassten sich die Anhänger*innen unter anderem mit dem neuen deutschen Nationalismus nach der Wende, mit Unterschieden im weißen und Schwarzen Feminismus und damit, wie man den Feminismus  intersektionaler gestalten könnte.

Audre Lorde starb 1992 an Krebs. Mit ihrem Leben hat sie aber ihre fast schon universalistischen Werte und Ansichten in die Köpfe der Menschen in ihrer Umgebung getragen.  Zentral war ihre Forderung: Unterschiede nicht als trennende Kluft zu sehen, sondern sie im Diskurs zu halten und sie so als Quelle von Stärke und einer tieferen Verbindung zu sehen. Sie selbst schreibt ihren Unterscheidungsmerkmalen – Dichterin, Schwarze, Mutter, Lesbe, Kämpferin – den Ursprung ihrer Lebenskraft zu.

Übrigens: Im Dokumentarfilm “The Berlin Years” (2011) zeigt Dagmar Schultz auf beeindruckende Weise, wie Audre Lorde in Berlin lebte und wirkte. Der Film wird in verschiedenen kleinen Programmkinos in Deutschland voraussichtlich auch 2018 gezeigt werden. Weitere Infos unter audrelorde-theberlinyears.com

 

TEXT Benjamin Lang

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