„Diagnose Stigmatisierung“

Der junge Mann hat die Kappe verkehrt herum aufgesetzt – mit dem Schirm nach hinten. Darunter schaut sein freundlicher Blick durch eine eckige, schwarze Brille. Er trägt ein schlichtes T-Shirt, eine kurze Hose und Turnschuhe. An seinen braun gebrannten Waden zeichnen sich die Muskeln eines Sportlers ab.

Robin* ist 23 Jahre alt. Vor vier Jahren war er das erste Mal Blutspenden. Kurz danach rief ihn sein Hausarzt an: mit seinen Werten stimme etwas nicht, er solle mal vorbeikommen. Robin denkt an schlechte Leberwerte, vielleicht zu viel Alkohol. Doch der Arzt zögert. Robin wird ungeduldig. Der Arzt bittet ihn sich zu setzen. Die Diagnose lautet: HIV-positiv.
„Das war für mich ein Schock“, sagt er heute. „Ich wusste ja nicht mehr über die Krankheit als jede*r andere auch.“ Da war die Angst keinen Sport mehr machen zu können. Die Angst jemanden anzustecken. Die Angst zu sterben.
In Dortmund, der Stadt, in der Robin lebt, gibt es schätzungsweise 700 bis 800 Menschen, die HIV-positiv sind. Die meisten von ihnen führen ein weitgehend „normales Leben“. Zwei Drittel sind berufstätig. Bei optimaler Behandlung müssen die Betroffenen jeden Morgen eine dicke blaue Tablette nehmen. Ähnlich, wie bei anderen chronischen Krankheiten auch. Die Patient*innen leiden kaum unter Nebenwirkungen. Sie haben eine normale Lebenserwartung. Und vor allem ist ihr Virus oft gar nicht mehr ansteckend. „Deswegen muss man heute auch keinem mehr von seiner HIV-Infektion erzählen“, erklärt Willehad Rensmann, Geschäftsführer der aidshilfe Dortmund. Auch seinem/r Arbeitgeber*in nicht. Es gibt schließlich kein Berufsverbot für Menschen, die HIV-positiv sind.

Robin ist mit 16 Jahren von zu Hause ausgezogen. Er hat seinem Vater, seiner Stiefmutter und seinen Geschwistern trotzdem von der Krankheit erzählt. „Danach war erst mal Funkstille“. Später kamen Vorwürfe. Heute hat er nur noch zu seiner Schwester Kontakt. Sie ist die einzige, die sich für ihr Verhalten von damals entschuldigt hat. „Wir raten niemanden dazu sich zu outen, wir raten aber auch nicht davon ab“, sagt Rensmann. Denn Reaktionen seinen eben nicht nur Verständnis und Akzeptanz, sondern auch Diskriminierung und Ausgrenzung.

„Gerade von Mediziner*innen erwarte ich eigentlich, dass sie aufgeklärt sind“

Von seinem Wasserballteam wird Robin nach der Diagnose rausgeschmissen. Das Risiko sei zu hoch er könne bei einer Sportverletzung den Virus übertragen. „Irgendwann war mir alles egal“. Eigentlich hat er damals eine Ausbildung zum Erzieher gemacht. Doch er hört auf zum Berufskolleg zu gehen. Wegen einer schwerwiegenden Depression wird Robin schließlich in einer Klinik behandelt. Zu seiner Ausbildung lässt man ihn aufgrund der vielen Fehlstunden nicht mehr zu.
Am meisten schockiert Rensmann jedoch was seine Klient*innen von Besuchen bei Zahnärzt*innen oder im Krankenhaus erzählen. „Gerade von Mediziner*innen erwarte ich eigentlich, dass sie aufgeklärt sind.“ Das Gegenteil sei der Fall. Wenn die Patient*innen ihre HIV-Infektion erwähnen oder die Krankheit in ihrer Akte steht – obwohl das aus Datenschutzgründen eigentlich gar nicht sein dürfte – würden die Ärzt*innen sie nur noch mit drei Paar Handschuhen begrüßen. Wer offen mit seiner HIV-Infektion umgehe, bekäme bei Zahnärzt*innen oft gar keinen Termin. Robin orientiert sich deswegen an der Ärzt*innen-Liste, die in der aidshifle aushängt – mit Empfehlungen Betroffener.

Die Infektion ist dann im Blut nicht einmal mehr nachweisbar

Als Hausarzt ist hier zum Beispiel Dr. Bellmunt gelistet. Er ist Allgemeinmediziner und betreibt eine „stigmafreie Praxis“, wie er sagt. Die Angst der Zahnärzt*innen kann er nicht verstehen. HIV überträgt sich nicht über Speichel, nur über Sperma, Scheidenflüssigkeit, Muttermilch und Blut. „Der Virus ist aber so empfindlich, dass er bei einer normalen Desinfektion abstirbt. Und man macht ja sowieso nach jedem/r Patient*in sauber – gerade wenn er oder sie geblutet hat.“
Bellmunt zieht ein Gläschen unter dem Bildschirm seines Computer hervor und entleert den Inhalt auf seinen Schreibtisch: ein Haufen bunter Pillen. Er beginnt zu sortieren. Die kleinen weißen Tabletten von früher, die länglichen Gelben und schließlich die dicke blaue, groß wie eine Mandel. Es ist die Geschichte der Bekämpfung von HIV. „Mit den heutigen Medikamenten kann die Vermehrung des Virus gestoppt werden. Die Infektion ist dann im Blut nicht einmal mehr nachweisbar. Viren befinden sich nur noch in den Zellkernen“, erklärt der Mann in Weiß. Wichtig ist möglichst früh mit der Therapie zu beginnen. „Wenn schon Symptome auftreten, ist eine Behandlung immer noch möglich aber schwieriger“. Dann kann es mehrere Jahre dauern, bis die Patient*innen nicht mehr infektiös sind.
Robins Blutwerte liegen mittlerweile unter der Nachweisgrenze. Die Behandlung macht er allerdings erst seit einem Jahr, seitdem er den Arzt gewechselt hat. Vorher hatte er Angst. „Das sind ja keine Smarties, das ist pure Chemie“. Jetzt schluckt er die dicke, blaue Pille jeden Morgen. Es ist zu einem Automatismus geworden. Unter Nebenwirkungen leidet er nicht.

Der 23-Jährige ist vor ein paar Jahren von seinem Heimatdorf in die Stadt gezogen. In seinem Freundeskreis ist die Krankheit kein Thema mehr. Er arbeitet im Schwimmbad und spielt wieder Wasserball. Der neue Verein hat ihn nicht aufgrund seiner Krankheit abgelehnt, er wollte sich nur informieren. „Ich habe sie zu einer Veranstaltung in der aidshilfe eingeladen“, erzählt Robin und damit gerechnet, dass vielleicht der Trainer und der Mannschaftskapitän kommen würden. „Dann standen alle vor der Tür – 25 Mann“. Er selbst habe in der letzten Reihe Tränen in den Augen gehabt.

Manchmal würde er trotzdem gerne mit Diabetiker*innen tauschen

„Die aidshilfe hat mir damals wirklich geholfen“. Heute ist der 23-Jährige ehrenamtlicher Mitarbeiter, besucht Schulen, klärt auf. Einmal habe er vor 200 Schüler*innen gesprochen. „Wenn ich dann am Ende erzähle, dass ich positiv bin, sind die immer total überrascht.“ Das würde man ja gar nicht sehen. Und wie er denn trotzdem so viel Sport machen könne.
Robin vergleicht seine HIV-Infektion dann immer mit Diabetes. „Die kann auch zum Tod führen wenn man keine Medikamente nimmt. Statt einer Tablette muss man sich aber dauernd Insulin spritzen“. Manchmal würde er trotzdem gerne mit Diabetiker*innen tauschen. Dann gäbe es die Stigmatisierung nicht. Es gäbe kein Getuschel. Er hätte noch Kontakt zu seinem Vater, wäre vielleicht sogar noch in seinem alten Sportverein.

Das häufigste Vorurteil? Da ist sich Robin sicher: „alle HIV-Positiven sind schwul“. Doch er selbst ist ein lebendes Beispiel, dass das nicht immer der Fall sein muss. Wie er sich infiziert hat, weiß er nicht. Er hat sich keine Drogen gespritzt. Keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt. Keine Bluttransfusion bekommen. „Nur einmal, als ich 14 Jahre alt war, gab es nach dem Wasserballturnier eine Party mit ziemlich viel Alkohol. Ich kann mich an den Abend und die Nacht nicht mehr erinnern.“ Vielleicht hat er sich damals infiziert. Vielleicht auch nicht. „Jetzt muss ich damit leben“.

Heute ist sogar Kinder kriegen kein Problem mehr

Das gelingt ihm auch mittlerweile ganz gut. Robin hat jetzt eine neue Ausbildungsstelle. Er lebt in einer Beziehung, seine Freundin akzeptiert die HIV-Infektion. Und auch wenn es für ihn noch keine Rolle spielt, ist selbst Kinder kriegen heutzutage kein Problem mehr. Dr. Bellmunt bestätigt das: „das EKAF hat 2008 eine Studie dazu durchgeführt. Der/die positive Partner*in sollte die Medikamente aber ganz regelmäßig nehmen und ärztlich betreut werden. Außerdem muss der Virusgehalt im Blut seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze liegen“.
Frisch verliebt zu sein, kann Robin trotzdem nicht genießen. „Da ist dann immer die Frage wann sag ich es, wie sag ich es.“ Zwei Beziehungen seien schon durch die HIV-Infektion kaputt gegangen. Auch wenn in seinem Leben mittlerweile alles rund läuft, „die Krankheit ist mir zu jeder Tages- und Nachtzeit bewusst.“
Auch die aidshilfe unter der Leitung von Willehad Rensmann hat eine Studie durchgeführt. Mit 220 der ca. 800 HIV-positiven Menschen aus Dortmund. Das Ergebnis: gesundheitlich würden sich die Betroffenen kaum noch eingeschränkt fühlen, dafür gibt es ja die dicke blaue Pille. Oder auch zwei dünne gelbe Tabletten, wenn einem das lieber ist. Das Problem ist die Diskriminierung. Immer und immer wieder.
Um dem entgegenzuwirken hat die aidshilfe vor einem Jahr ein Café eröffnet, das caféplus. Es ist ein nett eingerichteter Raum mit Holztischen und Sesseln. An den grauen Wänden hängen Kunstwerke. Es soll ein „Ort der Begegnung“ sein. Dienstags bis Samstags hat es von 11-17 Uhr geöffnet. Abends und am Wochenende finden Vorträge und Lesungen statt. Und auch wenn die Türschwelle für einen Großteil der Öffentlichkeit noch zu hoch erscheint – willkommen ist jede*r, egal wer er oder sie ist, woher er oder sie kommt und ob er oder sie etwas mit dem Thema zu tun hat oder nicht.

Das Treffen mit Robin fand im Sommer 2016 statt.

 

TEXT Paula Heidemeyer

 

* Name von der Redaktion geändert

Bildquelle: 23.12.2017, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b1/Pre-Exposure_Prophylaxis_%28PrEP%29_%2832514377531%29.jpg

 

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