Noemi Finetti macht ihren Freiwilligendienst in einer Wohneinrichtung für Menschen mit psychischer Erkrankung. Im Folgenden stellt sie das Projekt vor, das alles andere als chaotisch und verrückt zu sein scheint.

Ich bin im Moment Freiwillige in Gilead Health Unit. Es handelt sich dabei um ein Projekt der Tshwane Leadership Foundation, einer christlichen Organisation, die sich mit Hilfe ihrer verschiedenen Projekte für die das Wohlergehen der Menschen in Pretoria, der Hauptstadt von Südafrika, einsetzt. Die Health Unit ist mit insgesamt 40 Bewohner*innen und ca. 30 Mitarbeiter*innen das größte Projekt der Tshwane Leadership Foundation.

Grob gegliedert kann man das Projekt in drei Einheiten unterteilen: das HCT-Team (HIV-Testung und soziale Betreuung für Menschen, die an HIV-erkrankt sind), das Hospiz sowie das betreute Wohnen für Menschen mit einer psychischen Erkrankung.

Im HCT-Team arbeite ich gar nicht mit, da ich keinerlei Qualifikationen in dem Bereich habe. Die Teammitarbeiter*innen fahren jeden Tag in Gebiete der Region, die für eine erhöhte HIV-Rate bekannt sind. Sie bieten kostenlose und vertrauliche Testungen an und verteilen kostenfreie, vom Staat bereitgestellte Kondome.

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Das Hospiz, Rivoningo genannt, ist die älteste Einheit der Health Unit. Es wurde 2005 gegründet, um Menschen ohne Obdach, die zum Beispiel an AIDS erkrankt waren, ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Heute hat es 20 Betten, von denen zehn für geriatrische Menschen mit psychischen Erkrankungen gedacht sind. Die anderen zehn Betten werden von unterschiedlichen Zielgruppen belegt: Menschen, die sich von den Folgen einer HIV- oder  Tuberkuloseinfektion erholen, Menschen, die von der Straße kommen und dringende medizinische Hilfe benötigen und Menschen, die tatsächlich im Sterben liegen, weil sie beispielsweise Krebs im Endstadium haben. Es ist also kein Hospiz im klassischen Sinne, bei dem die Betten ausschließlich für Menschen, die demnächst sterben werden, gedacht sind. Seit einigen Monaten bietet das Hospiz auch ein Methadon-Programm für Patient*innen an, die unter einer Heroin-Abhängigkeit leiden. Für obdachlose Menschen, die starke Medikamente nehmen müssen (bspw. wegen einer HIV Infektion oder Tuberkulose), gibt es die Möglichkeit den Tag hier zu verbringen, an den Aktivitäten teilzunehmen und Essen zu erhalten – ähnlich einer Tagesklinik.

Die meiste Zeit arbeite ich in Gilead, dem betreuten Wohnen für Menschen mit einer psychischen Erkrankung, das 2011 gegründet wurde. Auch Gilead hat 20 Betten, von denen  zehn für Männer und zehn für Frauen gedacht sind. Es gibt vier Community-Schlafräume, in denen je zwei bis vier  Menschen gemeinsam wohnen, sowie fünf Wohnungen, in denen Bewohner*innen zu zweit in Einzelräumen mit eigener Küche und eigenem Bad wohnen. Die Bewohner*innen dieser Wohnungen sind meistens selbstständiger und brauchen deswegen nicht so eine engmaschige Betreuung. Die meisten Bewohner*innen kommen nach einer akuten Krankheitsphase aus dem psychiatrischen Krankenhaus der Stadt und werden an Gilead verwiesen, da sie entweder obdachlos sind oder keine Familie haben, die sie aufnehmen will oder kann.

Denn leider gibt es auch in Südafrika noch immer ein großes Stigma gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen. Manchmal haben die Betroffenen gar keinen Kontakt mehr zu ihren Familien oder werden, ohne dass in der Vergangenheit große Konflikte stattgefunden haben, einfach nicht mehr zuhause aufgenommen. Wenn ich anderen von meiner Arbeit berichte, wurde ich schon oft gefragt, ob ich denn keine Angst hätte und ob diese Menschen nicht total verrückt wären. Unterlegt wurden die Worte mit entsprechenden Gesten. Und wenn ich antworte, dass man Dank der Medikamenten den meisten Menschen nicht anmerkt, dass sie psychisch erkrankt sind, sind meine Gegenüber überrascht und können dies kaum glauben. Leider scheinen auch viele POCs in der südafrikanischen Bevölkerung  zu glauben, dass nur weiße Menschen psychisch erkranken können und dass so etwas wie Psychotherapie ebenfalls nur etwas für weiße Menschen gedachte ist.

Anders als im Hospiz müssen die Bewohner*innen von Gilead alle Hausarbeiten selbst erledigen; es gibt einen “Duty Roster”, der täglich einteilt, wer die Gemeinschaftsräume putzt, wer kocht, das Abendessen zubereitet und so weiter. Bei Gilead handelt es sich um eine „Move On Facility“, die nicht vorsieht, dass die Bewohner*innen für den Rest ihres Lebens dort wohnen. Ein Bewohner fasste treffend zusammen, dass Gilead dazu da sei, um bei der Reintegration in das alltägliche Leben und die gesellschaftlichen Strukturen zu helfen. Leider hapert dies oft daran, dass es bei einer Arbeitslosenquote von ca. 30% schon für gesunde Südafrikaner*innen nicht leicht ist, einen Job zu finden – und dementsprechend noch viel schwerer für die Bewohner*innen meines Projekts. Von der Behindertenrente (ca. 100€ im Monat) kann man kaum selbstständig leben, und so wohnen einige Menschen in Gilead, die aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes durchaus bereit wären auszuziehen und ein eigenständiges Leben zu führen, die aber keine bezahlbare Wohnung finden.

Tagsüber gehen einige der Bewohner*innen entweder arbeiten (zumeist Freiwilligenarbeit, also unbezahlt) oder nehmen an den angebotenen Aktivitäten teil. Diese umfassen momentan eine Kunsttherapie, die sich aber auch auf die Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten wie Gedächtnis und Konzentration fokussiert, eine Nähgruppe, Gruppendiskussionen und Gesundheits-Talks und Haustreffen, bei denen alles rund um das Zusammenleben diskutiert und entschieden wird. Außerdem eine wöchentliche Putzaktion, um das Gelände sauber zu halten sowie eine Gruppe, die mit Perlen arbeitet.

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Zusammenfassend gibt mir das Projekt einen sehr guten Einblick in das Leben von Menschen mit psychischen Erkrankungen, aber auch in das südafrikanische Gesundheitssystem und den Umgang der südafrikanischen Gesellschaft mit Randgruppen. Die Health Unit gibt Menschen ein Zuhause, die ansonsten entweder auf der Straße oder – wie es früher oft der Fall war – permanent in einer psychiatrischen Anstalt wohnen würden, die mitten auf der Straße sterben müssten oder keine Versorgung für eigentlich behandelbare Erkrankungen erhalten würden. Und es bietet eine Gemeinschaft für diejenigen, die ansonsten als „verrückt“, „durchgeknallt“ oder „krank und ansteckend“ abgestempelt werden würden.

 

Projektvorstellung Noemi Finetti

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