Kalamani ist krank, chronisch krank. Sie wird nie wieder ganz gesund werden. Aber die Krankheit an sich ist eigentlich gar nicht so ein großes Problem. Sondern die Gesellschaft, in der die Krankheit problematisch wird.

Die Frau, die mit schnellen Schritten auf uns zu kommt, sieht nicht aus, wie die Frau die ich erwartet hatte, als es hieß wir treffen uns heute mit einer Teilnehmerin des HOPE-Projekts. Ich stehe vor ihrem Haus, zusammen mit meiner Mitfreiwilligen, der Psychologin und einer Sozialarbeiterin von HOPE und unserem Fahrer. Wir haben vorher noch andere Hausbesuche in der Region gemacht und sind etwas früher da als mit Kalamani* verabredet. Sie kommt gerade von der Arbeit.

Kalamani ist 35 Jahre alt. Sie ist nicht besonders groß, aber ihre Arme lassen vermuten, dass sie Kraft hat. Ihren Saree mit orange-grauem Blumenmuster hat sie streng um die Taille geschlungen, ihre Haare in einem geflochtenen Zopf hinten zusammen gebunden. Nur die kleinen krausen Härchen um ihr Gesicht herum, die schon grau werden, lassen sich nicht bändigen. Sie begrüßt uns freundlich – unaufgeregt. Bittet uns herein und wir setzen uns in den kühlen, dunklen Vorraum ihres Hauses.

Wo sie denn arbeitet, möchte ich wissen. In der Landwirtschaft. In diesem Bereich sei es nicht schwer gewesen auch ohne Vorerfahrungen einen Job zu bekommen. Denn Kalamani war nach Beendigung ihrer Schulzeit vor allem Hausfrau und hat keine speziellen Qualifikationen, mit denen sie sich hätte bewerben können. Jetzt erntet sie Kokosnüsse, von morgens bis nachmittags um 14 Uhr.

Eigentlich wäre Kalamani auch lieber Hausfrau geblieben. Nicht nur, weil ihr damals noch nicht die Arme und Beine nach der Arbeit wehtaten, sondern auch weil sie noch nichts von ihrer Krankheit wusste, weil sie sich damals keine Sorgen um ihre finanzielle Situation machen musste, weil damals ihr Mann noch gelebt hat.

„Damals“ klingt mittlerweile wie eine weit entfernte heile Welt. Die Welt eines frisch verheirateten Ehepaars, die gerade ihr erstes Kind bekommen haben. Kalamanis Mann arbeitete als Autohändler und versorgte die junge Familie mit einem guten und regelmäßigen Einkommen. Sie selbst widmete sich der neuen Aufgabe eine möglichst gute Mutter zu sein. Heute ist ihr Sohn 15 Jahre alt.

So gut wie möglich ignorieren, lautet die Devise

Doch schon kurz nach seiner Geburt erlitt die heile Welt der Familie erste Kratzer. Kalamani bekam hohes Fieber, man wusste nicht warum. Erst nach mehreren Krankenhausbesuchen wurde getestet, was letztendlich relevant war. Die Hiobsbotschaft lautete: HIV-positiv. Ein Schock. Auch die anderen Familienmitglieder ließen sich testen. Immerhin, der kleine Sohn war verschont geblieben, doch auch sein Vater hatte den Virus in sich.

Und jetzt? Aus Angst vor Diskriminierung und sozialer Isolation, entscheid sich das junge Paar das Thema totzuschweigen. So weiterzumachen, als wäre nichts gewesen. Bis heute weiß der 15-Jährige nichts von der Krankheit seiner Eltern. Und nicht nur er, sie haben es keinem erzählt. Nicht ihren Eltern, Geschwistern, Freunden, Bekannten oder Nachbar*innen. So gut wie möglich ignorieren, lautete die Devise. Erst als der Virus nach etwa zwei Jahren Kalamanis Immunsystem schwächte und die Anzahl der T-Helferzellen in ihrem Blut sank, begann sie mit der Therapie. Doch außer der Tatsache, dass sie jetzt täglich eine Tablette schlucken musste, änderte sich nicht viel. Ihr Immunsystem berappelte sich wieder – und es ging weiter wie bisher.

Wählerisch zu sein war jetzt nicht angebracht

Bis die heile Welt der Familie 2010 letztlich vollends zerbrach. Kalamanis Mann hatte einen schweren Autounfall. Die Familie investierte große Summen, um ihn in einem privaten Krankenhaus behandeln zu lassen. Doch die teure Behandlung konnten ihm nicht mehr helfen – er verstarb. Zurück ließ er nicht nur eine trauernde Familie, sondern auch eine Familie mit nunmehr großen Geldsorgen.
Deswegen beeilte sich Kalamani einen Job zu finden. Wählerisch zu sein war jetzt nicht angebracht. Und bemüht sich seitdem die verschiedenen Aufgaben einer alleinerziehenden Mutter unter einen Hut zu bringen. Das fällt ihr nicht leicht. Auch wenn man es ihr nicht ansieht, erzählt sie, dass sie nach der Arbeit oft erschöpft ist und sich immer wieder krank melden muss. Des Geldes wegen zögerst sie eine Krankmeldung aber immer so lange wie möglich heraus, in der Hoffnung es könnte auch so besser werden. Manchmal klappt das, oft muss sie dann erst recht einige Tage zu Hause bleiben.

Unterstützung von Freunden oder Familienmitgliedern gibt es nicht. Zu lose und distanziert sind die Beziehungen. Und Kalamani scheint es schwer zu fallen, Schwäche zu zeigen und Hilfe einzufordern. Dafür ist die Bindung zu ihrem Sohn umso enger. Das ist es, was ihr Kraft gibt, erzählt sie.

Nach dem Gespräch treten wir hinaus, in die Sonne. Die Schwere der gesagten Worte lassen wir im Haus. Was ich mitnehme, sind ein paar kracklig geschriebene Notizen, gut verstaut in meinem Rucksack zwischen Lunchbox und Wasserflasche.
Kalamani unterhält sich mit der Sozialarbeiterin. Auf Tamil. Ich verstehe nicht, was sie sagen, aber ich kann sehen, dass sie lachen und sich in den Arm nehmen. Seitdem sie Teilnehmerin des HOPE-Projektes ist, bekommt Kalamani einmal monatlich Besuch von Sumithra*, wie die Sozialarbeiterin hier heißen soll. Von ihr erhält sie unter anderem Unterstützung dabei, sich um eine Witwen-Rente zu bemühen. Außerdem hat das Projekt lokale Zentren für die Teilnehmenden eingerichtet, in denen Workshops und Trainings zum Umgang mit der Krankheit angeboten werden und Austausch stattfinden kann. Das HOPE-Projekt finanziert auch die Schulmaterialien für Kalamanis Sohn.

Als wir wieder ins Auto steigen verabschieden sich die beiden jungen Frauen herzlich. Erst viel später erfahre ich, dass Sumithra auch HIV-positiv ist. Ob Kalamani das wusste?

Das Treffen mit Kalamani fand im September 2015 statt.

* Name von der Redaktion geändert

TEXT Paula Heidemeyer

 

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