Erfahrungen einer Sintiza in Deutschland                                      

„Es war nicht immer einfach als anders angesehen zu werden,“ erzählt Marge, die als Sintiza (weibliche Bezeichnung für Sinti) in Deutschland aufwuchs. Die Sinti sind eine Volksgruppe, die sich vor Jahrtausenden in den mitteleuropäischen Ländern angesiedelt hat, in denen sie auch heute leben. Es wird vermutet, dass sie ursprünglich aus Sindh in Pakistan kommen. In dem kleinen Städtchen Steinau in Hessen, gehörte nur Marges Familie der Gruppe der Sinti an. Was in ihrer Kindheit passierte begriff die junge Bürokauffrau erst Jahre später. Es waren prägende Erfahrungen für die heute 32-jährige Mutter zweier Kinder, die sie erst verarbeiten musste aber die sie letztendlich zu der starken, selbstbewussten Frau werden ließen, die sie heute ist.

Vererbtes Trauma

Wenn Marge als Grundschülerin Freund*innen mit nach Hause bringen wollte, sagte ihr Vater immer „Die klauen uns das Silber“. Damals verstand sie nicht wovon er sprach, doch heute findet sie die Begründung für seine Aussage in der deutschen Geschichte. Marges Großeltern wurden unter dem NS-Regime als “Zigeuner*innen“ nach Auschwitz ins KZ gebracht. Enteignungen von Sinti waren zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges an der Tagesordnung. Marges Vater war geprägt von den Erfahrungen seiner Eltern, die ihm eine mögliche Wiederholung der Zustände aus der NS-Zeit nahe legten. Schnell wurde die Angst seiner Eltern seine eigene: Das Trauma hatte sich auf ihn übertragen.

Zwei Generationen später muss Marge, durch die Zugehörigkeit zu ihrer Gruppe, in Deutschland nicht mehr den Tod fürchten. Doch der Antiziganismus, der bereits seit der Aufklärung um 1700 in der deutschen Gesellschaft verankert ist, führt auch nach dem zweiten Weltkrieg weiterhin zu Ausgrenzung. Diese feindliche Haltung gegenüber Sinti und Roma hielt Marges Familie damals von einem Umzug in das Nachbardorf Wächtersbach ab, in dem die 32-Jährige heute mit ihren zwei Kindern lebt. In Wächtersbach wohnte eine große Gemeinschaft von Sinti. Marges Vater befürchtete seine Familie könnte mit dieser Gruppe in Verbindung gebracht und dadurch im Falle einer erneuten Verfolgung der Sinti leichter zu finden sein. Aufgrund der vereinfachten Zuordnung zu der Minderheit, die der Umzug mit sich bringen würde, befürchtete er aber auch unabhängig von der Verfolgung eine schlechtere Behandlung seiner Familie.

Gegen die Empfehlung der Lehrer*innen

Doch in der Grundschule in Steinau, bekam Marge die skeptische Haltung ihr gegenüber ebenfalls zu spüren. Nach der Einschulung fand sie schnell neue Freund*innen, zu denen sie zum spielen kam. Obwohl sie zunächst viel Spaß miteinander hatten, nahmen ihre “Freund*innen“ plötzlich Abstand. „Meine Eltern haben gesagt, du bist ein schlechter Umgang”, hieß es dann. „Irgendwie habe ich versucht es einfach hinzunehmen, wie ich behandelt wurde. Was soll man schon machen, wenn man noch klein ist?“.

Auch von Seiten der Lehrer*innen erfuhr sie eine andere Behandlung als ihre Mitschüler*innen. „Eigentlich wollte ich aufs Gymnasium… ich hatte gute Noten“, so Marge. Trotzdem wurde sie von ihrer Klassenlehrerin nach der Grundschule auf die sogenannte Förderstufe verwiesen. Dabei handelte es sich um eine Orientierungsstufe für Kinder, deren Noten für eine weiterführende Schule nicht ausreichen. Zwei Jahre besuchte sie diese, in der Hoffnung auf eine Realschulempfehlung. Nachdem sie auch hier trotz guter Noten nicht überzeugen konnte, meldete ihre Mutter sie entgegen der Empfehlung der Lehrer*innen an der Realschule an.   

Viele Sinti und Roma in angesehenen Positionen verheimlichen ihre Herkunft

Als Marge älter wurde begann sie zu verstehen, worauf die Ausgrenzungserfahrungen beruhten, die sie immer wieder erlebte. Da das Sintisein sie mit Vorurteilen belastete, vermied sie zunehmend über ihren kulturellen Hintergrund zu sprechen. „Ich hatte ständig das Gefühl, Erklärungen abgeben zu müssen.“ Sie wollte sich selber schützen vor Kommentaren wie: “Ich habe gedacht du wohnst im Wohnwagen“, “Du bist ja gar nicht so wie die ANDEREN“ oder „Du hast ja bestimmt nicht viel mit DENEN zu tun“. „Ich weiß ja, dass diese Kommentare oft nicht böse gemeint sind, aber sie verletzen mich trotzdem.“

Viele Sinti und Roma haben auch heute noch das Gefühl, dass sie nur dann gesellschaftlich akzeptiert werden und Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, wenn sie sich von anderen Angehörigen ihrer Gruppe abwenden. Viele verleugnen im Berufsleben aus Angst vor Ressentiments ihre Herkunft. Dies ist verständlich aber auch fatal, weil dadurch nicht sichtbar wird, wie viele Sinti und Roma angesehenen Berufen nachgehen und sich die Vorurteile nur noch verstärken. Marge fühlt sich mittlerweile in ihrem Umfeld integriert. Sie hat sich viel mit ihrer eigenen Vergangenheit und der Situation der Sinti beschäftigt, um Erlebtes zu verarbeiten. „Ich wünsche mir, dass auch in der Schule die Ausgrenzung von Sinti und Roma aufgearbeitet wird. Mein Sohn geht jetzt in die erste Klasse. Vor Kurzem hat ein Kind ihn in der Schule als Scheiß Zigeuner beleidigt. Zigeuner, das war das Label, unter dem man Sinti und Roma einst ins KZ gebracht hatte. So möchten wir nicht genannt werden!“

Viele Menschen passen nicht in die Schubladen, in die sie gesteckt werden

Marge möchte aufklären und auf das gesellschaftliche Problem gegenüber ihrer Gruppe aufmerksam machen. „Ich hatte früher keine Ahnung, dass es Aktivist*innen gibt, die sich gegen Antiziganismus stark machen. Es tut wirklich gut zu wissen, dass wir gemeinsam etwas bewegen wollen. Ich habe endlich das Gefühl, die richtigen Leute gefunden zu haben, mit denen ich mich für die Rechte und die Akzeptanz der Sinti und Roma stark machen kann.“ Das Internet gibt ihr eine Plattform Vorurteilen und Hass entgegen zu wirken. Es fing damit an, dass sie über Youtube auf Hasskommentare reagierte. „Im Netz wimmelt es nur so von rassistischen Anfeindungen. Kaum etwas davon wird von den Betreiber*innen der Websites gelöscht.“ Manchmal habe sie mit den Verfassern dieser Kommentare so lange gestritten, bis sie sich bei ihr entschuldigten. „Ihnen gingen mit der Zeit die Argumente aus, weil sie merkten, dass ich ihren Vorurteilen nicht gerecht wurde.“ Aus ihrer neu gewonnen politischen Partizipationsmöglichkeit entstand die Plattform “Sinti-Roma-Pride“ auf facebook. Hier können Betroffene ihre Erfahrungen austauschen, Interessierte sich informieren und  es kann auf Ungerechtigkeiten gegenüber Sinti und Roma aufmerksam gemacht werden.

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„Ich weiß, dass ich keine Schuld an der Ausgrenzung habe, die ich erfahre. Die Menschen suchen sich einen Sündenbock, jemanden den sie beispielsweise für ihre Arbeitslosigkeit verantwortlich machen können. Es scheint als könne man in unserer Gesellschaft nicht Sinti sein, ohne die `typischen Klischees` zu erfüllen. Dabei klaue ich nicht und meine Kinder gehen regelmäßig in die Schule. Viele Menschen passen eben nicht in die Schubladen, in die wir sie gesteckt haben. Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft irgendwann so aufgeklärt ist, dass Sinti und Roma keinen Grund mehr haben sich zu verleugnen.“

TEXT & Interview: Fenja Sürken

 

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