Dieser Artikel wurde nach bestem Wissen aus dem Englischen übersetzt, jedoch ist ein gewisser Qualitätsverlust nie zu vermeiden. Für alle, die gut Englisch sprechen, hier der Link zur Originalversion. 

Ein soziales Experiment in den USA hat untersucht, wie wir bereits in einem sehr jungen Alter anfangen, Stereotype zu internalisieren. Eine Forscherin las den Kindern Geschichten über anonyme Menschen vor. Kinder unter fünf Jahren identifizierten sich schnell selbst mit dem oder der Protagonist*in – kleine schwarze Mädchen sahen die Wissenschaftlerin im Text etwa als Afroamerikanische Frau und kleine weiße Jungen stellten sich unter der liebevollen, sich kümmernden Person im Text einen weißen Mann vor. Dieses Bild änderte sich drastisch bei Kindern über sechs Jahren. Wissenschaftler*innen, Geschäftsleute und Doktor*innen wurden auf einmal öfter als weiße Männer, Schwarze Frauen bevorzugt als Sekretärinnen, Haushaltshilfen und Betreuerinnen gesehen. Leider ist das kollektive menschliche Bewusstsein eine Projektion der „Mehrheit“. Als eine Frau in der Zwischenwelt Indien-USA-Deutschland sehe ich mich als Minderheit in allen drei Ländern.

Die Gliederung der indischen Gesellschaft ist extrem komplex, und voll von naiver Einfachheit. In einem Land mit einer Bevölkerung von über einer Milliarde Menschen wird das Überleben zum Schlüsselinstinkt der breiten Masse. Leute, die finanziell nicht gut gestellt sind, gar Hunger leiden müssen und über keine gute Bildung verfügen, können gar nicht von einer fairen Welt träumen. Sie können es sich einfach nicht leisten, intellektuelle Neigungen zu haben oder sich über die Nuancen der Demokratie Gedanken zu machen. Ihre Realität impliziert Tag für Tag Kämpfe um Kaste, Religion oder schlicht und einfach um Essen. Ich bin schuldig, zu der intellektuellen Minderheit Indiens zu gehören – in einer Blase lebend, zufrieden mit Sofa-Aktivismus, oft hilflos und meist politisch nicht in der Lage, den Mitbürger*innen in Not wirklich zu helfen.

Indien ist eine noch immer eine vorwiegend patriarchale Gesellschaft. Auf der anderen Seite wird von einem „entwickelten Land“ erwartet, aus gender-basierten Unterschieden emporgestiegen zu sein. An einem meiner ersten Tage in Deutschland hörte ich eine Kollegin enthusiastisch davon erzählen, wie ihre Geburt mit den Worten: „Oh, jetzt haben wir eine Sekretärin in der Familie!“, begrüßt wurde. Eine freudige Wärme durchströmte mich, nur um direkt von einer inneren Traurigkeit abgelöst zu werden. Die Zukunft eines Mädchens in Deutschland ist eine mit finanzieller Sicherheit (von ihr wird erwartet, einen Job zu bekommen), aber dennoch nicht frei von den Fesseln sozialer Stereotype. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Universität in Deutschland bin ich eine Minderheit. Ich sehe einen ziemlichen Mangel an Wissenschaftlerinnen in Führungspositionen. Das Gleichstellungszentrum unserer Institution verspricht zwar, jegliche Einschränkungen in professioneller wie persönlicher Hinsicht auszuräumen – trotzdem gibt es etwa keine Hygieneprodukte für Frauen auf dem Campus. Auf Nachfrage war die Antwort, dass diese nicht zur Verfügung gestellt werden könnten, da Hygieneprodukte nicht durch die öffentlichen Fördermittel gedeckt würden. Diese Idee kommt womöglich aus einem eher archaischen Zusammenhang, in dem Frauen einfach nicht im Büro arbeiteten. In der heutigen Zeit besteht offensichtlich ein Zusammenhang zwischen der Minderheit von Frauen am akademischen Arbeitsplatz und dem Ignorieren ihrer Bedürfnisse. Es ist ein Problem der Trägheit des Problems: Es bewegt sich nicht, solange es nicht von einer großen Kraft erfasst wird – der Kraft der Mehrheit.

Der Schlüssel zu allen sozialen Dialogen ist Kommunikation, und deren Essenz, die Sprache. Indien spannt sich über mehr als 3 Millionen Quadratkilometer und hat 24 Amtssprachen – das macht den Subkontinent fast so groß und komplex wie die gesamte EU. Einfach in den nächsten Bundesstaat zu fahren macht einen zu einer linguistischen Minderheit. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich das gleiche Gefühl. Dass Englisch hier nicht so beliebt ist, machte es ein bisschen herausfordernder und spaßiger zugleich. Ich starrte meinen Sachbearbeiter bei der Ausländerbehörde verständnislos an, als er sagte „You will become a letter in the next few days“. Erst später bemerkte ich, dass es um die falsche direkte Übersetzung von „Bekommen“ nach „become“ gehandelt hatte. Auch musste ich meinen deutschen Freunden oft erklären, dass es keine „Indische Sprache“ gibt – denn es gibt in Indien 30 verschiedene Möglichkeiten „Hallo“, zu sagen! Zwischen dem ganzen Spaß gibt es auch Fälle, in denen ich mich diskriminiert fühle. Meine Universität veranstaltet viele Workshops und Vorträge. Die Mehrheit davon ist nur auf Deutsch. Eine Uni, die sich mit ihrer Internationalität rühmt, diskriminiert (vielleicht unabsichtlich) ihre nicht-deutschsprachigen Studierenden.

Abgesehen von den offensichtlichen Minderheiten sprechen wir über andere Minderheiten weniger. Die LGBTQ+ Bewegung fordert das binäre Geschlechtersystem heraus, hat den Kampf aber nur halb gewonnen. Menschen mit Behinderungen führen einen wieder anderen, schwierigen Kampf. Ich war sehr berührt von Deutschlands Inklusivität gegenüber diesen Menschen. Gute Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr, zum Beispiel, macht Inklusion erfahrbar. Indien ist wegen der großen Population etwa nicht so rollstuhlfreundlich.
Das anfangs erwähnte soziale Experiment hat meinen Glauben darin bestärkt, dass Kinder keine Vorurteile in sich tragen. Da Schulen den Beginn des sozialen Lebens markieren, sehe ich inklusive Schulen als wichtig und hilfreich an, Kindern die Komplexität von Fähigkeiten und Identitäten nahe zu bringen. Das würde eine Brücke zwischen „Mehrheit“ und „Minderheit“ schlagen.

Ich hatte ein paar wirklich herzerwärmende Erlebnisse als Angehörige einer Minderheit in Deutschland. 2012 schockierte ein ziemlich schlimmer Fall von Vergewaltigung in Delhi die ganze Welt. In einer kalten Winternacht desselben Jahres wartete ich  mit ein paar Freunden an einer Bahnstation als ein liebenswürdiger, alter Mann auf uns zu kam und sagte „Geh nicht zurück in dein Land – wir beschützen dich in Deutschland.“ Gefangen zwischen dem Drang, das Bild von Indien zu verteidigen, und der extremen Empathie, die er zeigte, stiegen mir die Tränen in die Augen. Ein anderes Mal lief ich mit meinem (auch indischen) Freund durch eine geschäftige Innenstadt. Er trug zu der Zeit einen Spitzbart ohne Oberlippenbart. Ein leicht angetrunkener, Mann im mittleren Alter kam auf uns zu und sagte „Ihr dürft gerne hier bleiben“. Ziemlich verwirrt von der Situation kombinierten wir, dass der Mann aus dem Bart meines Freundes geschlossen hatten, wir seien muslimisch. Es war gerade die Zeit, in der mehrheitlich muslimische syrische Geflüchtete nach Deutschland kamen. Trotz dass unsere Realität eine andere war, fühlten wir uns berührt. Es braucht einfach Empathie, damit sich Minderheiten wohl fühlen.

In dieser Gesellschaft werden die Entscheidungen der Mehrheit immer auch den Minderheiten aufgedrückt – mit Nachteilen für sie, die die Mehrheit oft nicht sehen kann oder will. Während wir die Statistiken von Mehrheit und Minderheit nicht leugnen können, ist es doch möglich, durch Inklusion eine bessere Atmosphäre zu schaffen. Was es braucht, ist einfach und zugleich schwierig: Empathie unaufhörlich zu pflegen.

TEXT Sreyasi Nag Chowdhuri ÜBERSETZUNG Benjamin Lang

Sreyasi-Portrait

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s