über Christen in Indien

In Europa sorgen sich gerade viele Menschen um die Integration der, großteils muslimischen, Asylbewerber*innen auf dem stark christlich geprägten Kontinent. Indien hat eine lange Geschichte religiöser Aufeinandertreffen, säkularer Lösungen und auch Rückschläge, von der wir einiges lernen könnten.

 

Buddhismus und Jainismus haben ihren Ursprung in Indien, dann kamen Jüdinnen und Juden, Christ*innen, Muslim*innen, Pars*innen, Sikhs- und Bahai-Frauen und -Männer ins Land. Seit dem 19. Jahrhundert hat der auf dem Subkontinent entstandene Hinduismus die dominante Rolle übernommen. Trotz – oder vielleicht wegen – dieser Vielfalt, übten sich im Laufe der Zeit frühzeitig viele Herrscher*innen in bewundernswert weitsichtigen säkularen Praktiken. Dieses säkulare Grundgerüst führte aber weder automatisch zu interreligiösem Dialog und Integration, noch verhinderte es gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen religiösen Gruppierungen vollkommen.

Heute bezeichnet sich eine große Mehrheit der Bevölkerung als Hindu (ca. 80%) und besonders die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Muslim*innen (14%) spielt eine wichtige Rolle im öffentlichen Diskurs. Verschiedene christliche Strömungen machen zusammen nur 2,3% der Inder*innen aus – das sind in absoluten Zahlen ca. 30 Millionen Menschen.

Politische Möglichkeiten für alle Religionen

Indiens Verständnis von Säkularismus seit der Unabhängigkeit bedeutet nicht eine vollkommene Distanzierung des Staates gegenüber Religionen, sondern die Suche nach öffentlicher Balance zwischen den religiösen Gruppen. In diesem Sinne gelten zum Beispiel im Namen der Christ*innen der 25. Dezember und der Karfreitag als nationale Feiertage. Christ*innen hatten auch schon bedeutende öffentliche Ämter inne. Am bekanntesten ist Harendra Coomar Mookerjee, der Vizepräsident der verfassungsgebenden Versammlung. Auch einige Bundesstaaten wurden schon von Christ*innen regiert. Anders als andere Minderheiten wie Muslim*innen oder Sikh-Frauen und -Männer, sind Christ*innen im aktuellen Lok Sabha, dem indischen Parlament, nicht mit einer eigenen Partei vertreten. 2014 hat sich genau so eine Partei (Indian Christian Secular Party) mit dem Ziel des Parlamentseinzugs gegründet. Neben dem positiven Aspekt, dass alle Religionen die Möglichkeit der Mitsprache haben, gibt es auch kritische Stimmen zu dieser Verknüpfung von Religion und Politik in Parteien, die fürchten, dass hierdurch die großen Fragen in den Hintergrund der Debatte rücken. An öffentlichen Schulen in Indien gibt es keinen verpflichtenden Religions- oder Ethikunterricht. Stattdessen, findet man ein weites Angebot an Privatschulen, die oft von religiösen Einrichtungen unterstützt oder geführt werden, an denen Religionsunterricht besucht werden muss.

Zwischen Palmen an jeder Ecke ein Bibel zu kaufen

Die Lebensrealität für Christ*innen in Indien heutzutage sieht von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr unterschiedlich aus. Es gibt Bundesstaaten im Süden und Nordosten Indien, in denen die Christ*innen die größte Glaubensgemeinschaft bilden. Dort findet man Kirchen im Kolonialstil mit indischem Einfluss zwischen Palmen, Kinder und Erwachsene tragen Halskettchen mit Kreuzen oder Rosenkränze und Kirchenglocken sind der dominante Klang, der zur vollen Stunde durch die Städte hallt. Ähnlich wie in Europa findet man auch in Restaurants, Hotels oder Privatwohnungen Kreuze oder Bilder von Heiligen an der Wand. Wer möchte, kann auch an jeder Ecke an einem Straßenstand Bibeln und Ratgeber kaufen. In diesen Regionen spielen Kirchen und religiöse Institutionen oft eine relevantere Rolle im gesellschaftlichen Leben der Gemeinde als wir es aus Deutschland gewohnt sind, etwa durch Gemeindehäuser, Schulen oder auch entwicklungspolitische Projekte.

In den Regionen, in denen Christen nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung ausmachen, können Christ*innen als Getaufte ihren Glauben meist ohne Einschränkung ausüben. In vielen kulturellen Aspekten schließen sie sich auch der Mehrheit des Landes an – z.B. indem sie Holi, das hinduistische Fest der Farben feiern, oder kein Rindfleisch essen, weil das Schlachten von Kühen im ganzen Land verboten ist.

Konvertieren nicht gewünscht

Nichtsdestotrotz gibt es Ausnahmen von dem friedlichen Mit- und Nebeneinander. Da vollkommen verlässliche Zahlen nicht zu finden sind, kann man sich nur Berichte von Organisationen, wie zum Beispiel von dem Christian Secular Forum aus Mumbai, ansehen: laut Indian Christian Persecution 2016 starben in diesem Jahr 10 Menschen und über 500 Kirchenmitglieder wurden attackiert. Ursache der meisten Attacken waren Konvertierungen, die in manchen Bundesstaaten gesetzlich geregelt sind, um Zwangskonvertierungen oder Konvertierung gegen Geld zu verhindern. 2016 war Chhattisgarh der gefährlichste Bundesstaat für Christ*innen. Odisha und Madhya Pradesh sind auch Hotspots für Auseinandersetzungen, da hier Konvertierungen grundsätzlich verboten sind und keine Unterscheidung zwischen freiwilliger oder erzwungener Taufe gemacht wird. Odisha ist auch der Bundesstaat, in dem es zwischen 1999 und 2008 zu einer Vielzahl sehr gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Hinduextremist*innen und Christ*innen gekommen ist.

 Auf dem Weg zum Hindu-Nationalismus

Aktuell werden von politischen Gegner*innen und zivilgesellschaftlichen Beobachtern Veränderungen für die Lebensbedingungen von Christ*innen unter der hindunationalistischen BJP Partei, die seit 2014 regiert, erwartet. Unter dem Hindu-Nationalismus werden alle Nicht-Hindus als nicht-indisch betrachtet. Zurzeit werden zum Beispiel mehr bzw. schärfere Anti-Konvertierung Gesetze diskutiert. Ein anderes Konfliktgebiet ist internationale Entwicklungszusammenarbeit, die von religiösen Einrichtungen betrieben wird: unter dem Verdacht auf missionarische Arbeit, hat die indische Regierung Geldflüsse einiger Organisationen unterbrochen. Außerdem werfen Christliche Foren den BJP Regierungen auch vor, zu wenig gegen Verfolgung gegen Christen zu unternehmen. Wie sich die pro-hindunationalistische Haltung tatsächlich flächendeckend und langfristig auf Christ*innen im Land auswirken wird, bleibt abzuwarten.

Die aktuelle Hindu-nationalistische Politik der Regierungspartei bringt aber auch noch etwas anderes zutage: sie fördert Diskurs und Aktivismus von anderen Parteien, NGOs, Zeitungen und Persönlichkeiten, die mehr die Stärken als die Schwächen des multi-religiösen Indiens sehen. Sie alle bemühen sich, den Fokus auf die Praktiken des Miteinanders wie die gemeinsam gefeierten Feste von Weihnachten bis Holi und gemeinsame Projekte wie zum Beispiel Straßenfeste, Yoga-Tage, Stadtrundgänge, Tage der Offenen Tür in Gotteshäusern oder Büchermessen zu legen. Es sind vor allem diese lokalen Akte des gegenseitigen Verstehenlernens, die in Indien wie in Deutschland zukunftsentscheidend sind.

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TEXT Theresa Kofler

 

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