Das Wort Adivasi stammt aus dem Sanskrit und bedeutet „ursprüngliche Einwohner“. Diese Selbstbezeichnung der indigenen Bevölkerungsgruppen Indiens enthält schon die Grundlage für die konfliktreiche Situation der Adivasi, denn die politischen Kämpfe dieser Minderheiten drehen sich besonders um die Rechte auf den Lebensraum Wald, der häufig die Existenzgrundlage der Adivasi bildet.

Die Adivasi machen ungefähr neun Prozent der Gesamtbevölkerung Indiens aus. Was nicht nach viel klingt, entspricht bei einem so bevölkerungsreichen Land wie Indien über 100 Millionen Menschen. Adivasi sind keine homogene Gruppe, sondern teilen sich in Zugehörigkeiten zu kleineren Communities auf, die sich etwa in ihren kulturellen Praktiken, den Sprachen und landwirtschaftlichen Tätigkeiten sehr unterscheiden. Ähnlich verschieden wie die Adivasi in Indien sind auch ihre politischen Auseinandersetzungen, deshalb schaue ich im Folgenden nur auf die Situation einiger Adivasi-Gruppen in Kerala und im angrenzenden Süden Karnatakas.

Zurückzuführen auf die Kolonialisierung

Wenn über den Bundesstaat Kerala gesprochen wird, wird dieser meist für seine wirtschaftliche „Entwicklung“ gelobt und die sehr niedrige Analphabet*innen-Quote betont. Dabei wird aber verschwiegen, dass benachteiligte Gruppen, wie die Adivasi und die Dalit¹, davon ausgeschlossen sind und diese Prozesse sogar zu ihrer Marginalisierung beitragen.

Zurückzuführen ist die Marginalisierung der Adivasi-Gruppen in Kerala auf die Kolonialisierung durch Großbritannien und die ökonomischen Prozesse, die nach der Unabhängigkeit Indiens einsetzten. Der Bau von Kaffee- und Teeplantagen und Abbau von Holz in Waldgebieten hat zur Kolonialzeit zu einer Veränderung des Arbeitsmarktes und aber auch der Waldlandschaft geführt. Die Adivasi, die an kollektiven Besitz innerhalb ihrer Community gewöhnt und häufig nicht mit dem Konzept von Geld vertraut waren, verloren ihre Gebiete an die Kolonialisierenden und Plantagenbesitzer*innen.


Seit der Unabhängigkeit Indiens haben Prozesse der Industrialisierung und Urbanisierung eingesetzt, die sich auch auf Waldgebiete der Adivasi erstrecken und Bauprojekte wie Staudämme, Minen, Plantagen und eine Ausweitung der Infrastruktur umfassen. Viele Landstücke sind sehr begehrt, da sie reich an natürlichen Ressourcen wie beispielsweise Kohle sind. Außerdem kommt heute der Tourismus als boomender Geschäftszweig in den Nationalparks Keralas hinzu.

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Umweltaktivismus statt Abhängigkeit

Viele Adivasi mussten in Folge dieser Vorgänge ihre Waldgebiete verlassen, wurden vertrieben. Manchmal haben sie zum Ausgleich Grundstücke und Häuser außerhalb der Wälder bekommen. Doch der Wald bildet für viele Communities die Existenzgrundlage, denn in kultureller und spiritueller Hinsicht bildet der Wald mit seiner Tier- und Pflanzenwelt einen wichtigen Bezugspunkt der Adivasi-Identität. Mit dem Verlust von ursprünglichen Gebieten geht z. B. auch die Einbuße von rituellen Stätten und Gräbern einher. Der Verlust von Landrechten ist für viele Communities außerdem ein substantielles Problem, denn an den Lebensraum ist häufig die Grundversorgung gekoppelt, die über Landwirtschaft und Produkte des Waldes erfolgt. Häufig resultiert daraus, dass die Menschen gezwungen sind, gering bezahlte Arbeit unter schlechten Bedingungen anzunehmen und sich in Abhängigkeitsverhältnisse zu begeben.

Seit Jahrzehnten leisten Adivasi in Kerala und an anderen Orten Widerstand und fordern ihre Rechte auf Waldgebiete zurück. Besonders bekannt als Vertreterin der Proteste in Kerala ist die Aktivistin C. K. Janu. Sie führte Protestmärsche, Sitzstreiks und Besetzungen an. Der Kampf der Adivasi kreist auch um Themen des Naturschutzes, der Ökologie und der Bewahrung des Waldes, denn sie betrachten den Wald als ihre Lebensgrundlage und sehen ihn durch die wirtschaftlichen Eingriffe gefährdet.

Im Jahr 2006 wurde als Folge der anhaltenden Forderungen aus vielen Teilen Indiens der „Forest Rights Act“ durchgesetzt, der den Adivasi ermöglichen soll, legal in den Wäldern zu leben und die Ressourcen des Waldes zu nutzen. Doch die gesetzliche Grundlage reicht nicht aus, denn nur ein geringer Teil der Gebiete wurde bislang tatsächlich Adivasi zugeteilt. Die Wälder und die damit verbundenen Rechte der Adivasi bleiben umstritten. So werden Janu und andere auch in Zukunft Widerstand organisieren müssen, um sich gegen wirtschaftsfreundliche Politik und Interessen von Konzernen durchzusetzen.

TEXT Merle Groß

¹Dalit ist Sanskrit für „unterdrückt“. Der Begriff bezeichnet Angehörige niedriger Kasten, die aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit Diskriminierung erfahren und mit „Unberührbarkeit“ assoziiert werden.

 

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