Yazan und Jawad leben in einer Gemeinschaftsunterkunft in Berlin Zehlendorf. Im Interview erzählen sie wie es ihnen dort geht, was hier anders (oder eben auch nicht anders) ist als in ihrer Heimat, unter anderem im Bezug auf den Umgang mit Geflüchteten.

Yazan

 

Mein Name ist Yazan Al Abda, ich bin 17 Jahre alt und komme aus Damaskus in Syrien. Seit Dezember 2015 bin ich in Deutschland und seit dem Sommer 2016 lebe ich hier, in Berlin Zehlendorf, in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Ich teile mir ein Haus mit neun anderen Jugendlichen, die so wie ich aus ihrer Heimat geflüchtet sind.

Wolltest du fliehen?

Nein, natürlich nicht. Eigentlich wollte ich Syrien nicht verlassen, ich war ein ganz normaler Junge, ging dort zur Schule und alles. Ich habe Syrien dann aber doch verlassen.

Warum?

Ich weiß nicht, vielleicht weil ich dumm bin. Aber es war meine Entscheidung zu gehen, nicht unbedingt nach Deutschland, aber meine Entscheidung. Ich bin dann einfach geflogen und habe dann nicht mehr viel darüber nachgedacht.

(Yazan ist von seiner Heimatstadt in die Türkei geflogen – das konnte er weil er einen Pass hatte – und dann von dort über die Balkanroute nach Deutschland gekommen.)

Yazan, kannst du mir sagen, ob es in Syrien auch Geflüchtete gibt?

Ja, es gab auch Geflüchtete in Syrien, ich glaube seit 2006 ungefähr, damals sind viele Libanes*innen gekommen. Es gibt auch viele Palästinenser*innen in Syrien. Das war aber alles vor dem Krieg. Seit dem Krieg gibt es auch viele innersyrische Geflüchtete, aus Aleppo und Homs, die nach Damaskus kommen. Sie sind zu uns gekommen, weil sie in Aleppo zum Beispiel nicht mehr leben können. Die meisten von den Palästinenser*innen sind übrigens keine richtigen Geflüchteten, weil sie in Syrien geboren sind. Das ist in Syrien so wie hier.

Was meinst du damit?

Na, ich habe keinen deutschen Pass und genau so haben die Palästinenser*innen keinen syrischen Pass. Sie haben eine Aufenthaltserlaubnis und dürfen eigentlich nur so lange bleiben bis in ihrem Land kein Krieg mehr ist, dann müssen sie zurück. Und weil sie keinen syrischen Pass haben, können sie die Stadt, in der sie leben, meistens nicht verlassen. Aber sie sind ja in Syrien geboren. Dann sind sie ja eigentlich keine Gelüchteten, oder? Wenn ich in Deutschland geboren wäre, wäre ich ja auch kein Flüchtling, sondern Deutscher.

Anmerkung der Redaktion: Wenn man in Deutschland geboren wird, hat man nicht automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft. Voraussetzung ist, dass ein Elternteil die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt oder sich seit mindestens acht Jahren legal in Deutschland aufhält.

In Syrien scheint das ja anders zu sein, oder ?

Ja, in Syrien ist es anders. Ich weiß zwar nicht genau wie, aber jetzt, seitdem Krieg ist, kann man sowieso fast alles in Syrien kaufen. Reisepässe, Schulabschlüsse… Mit Geld kann man fast alles kaufen. Aber eigentlich, kannst du nicht einmal Syrerin oder Syrer werden wenn du eine*n Syrer*in heiratest. Also Palästinenser*innen zum Beispiel bleiben immer Palästinenser*innen und werden niemals Syrer*innen.

Und was bedeutet es, dass die Palästinenser*innen die Stadt, in der sie leben, nicht verlassen können?

Sie kommen ins Gefängnis. Wenn sie zum Beispiel Damaskus verlassen und wieder in die Stadt möchten, dann müssen sie einen Pass vorzeigen, da sie ja aber keinen syrischen Pass haben, weil sie keine syrischen Staatsangehörigen sind, kommen sie ins Gefängnis.

Merkt man in der syrischen Gesellschaft denn einen Unterschied, werden Palästinenser*innen oder Libanes*innen anders behandelt?

Nein, sie gehören zu uns. Egal ob sie Palästinenser*innen oder Libanes*innen sind. Sie werden gleich behandelt, niemand benachteiligt sie oder behandelt sie anders oder schlechter. Ich habe das zumindest noch niemals gesehen. Ich kenne allerdings nur palästinensische Geflüchtete, die in meiner Nachbarschaft gewohnt haben. Den ersten Libanesen, den ich je getroffen habe, habe ich erst in Deutschland kennen gelernt. Das einzige ist wirklich, dass sie von staatlicher Seite keinen Pass bekommen. Aber in der Gesellschaft sind sie mittendrin. Als ein Teil davon.

Was denkst du über die Geflüchtete in deinem Land?

Wie gesagt, für mich macht es keinen Unterschied, aus welchem Land jemand kommt. Ich lebe auch hier in Deutschland mit vielen aus einem anderen Land zusammen. Und in Syrien habe ich da nie drüber nachgedacht, ob jemand aus Palästina oder dem Libanon kommt.

Gibt es denn so etwas wie Rassismus in Syrien?

Habe ich noch nie mitbekommen. Ich habe überhaupt noch nie mitbekommen, wie ein Teil von einer Gesellschaft schlechter behandelt wurde als ein anderer Teil. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich selbst ein Syrer bin. Mir gegenüber würde man sich ja auch nicht schlecht verhalten.

Und was denkst du über Minderheiten oder Leute, die anders sind als du?

Mein Vater hat mir dazu mal ein Sprichwort gesagt, dass ganz gut passt, finde ich: „Schau auf deine Hände. Keiner deiner Finger sieht gleich aus. So wie die Menschen;, kein Mensch ist gleich einem anderen. Alle sind unterschiedlich. Deshalb ist trotzdem jede*r wichtig“. Und… man kann nicht alle Menschen über einen Kamm scheren. Wenn ich in meinem Leben vielleicht eine*n Palästinenser*in getroffen habe, der oder die kein guter Mensch war, dann heißt das ja nicht, dass deshalb gleich alle Palästinenser*innen schlecht sind.

 


 

Jawad

„Seit 2015 sind so viele Geflüchtete nach Deutschland gekommen… ich glaube daran müssen sich die Menschen hier erstmal dran gewöhnen.“

 

Mein Name ist Jawad Heidari, ich bin 18 Jahre alt und komme aus Herat, in Afghanistan. Seit fast zwei Jahren lebe ich in Deutschland und seit einem halben Jahr hier in Berlin-Zehlendorf in einer Wohngruppe für minderjährige Geflüchtete, zusammen mit acht anderen Jungs.

Wie war es hier am Anfang für dich?
Naja, es war sehr schwierig für mich hier. Ich konnte die Sprache nicht, wollte aber alles alleine machen, alleine schaffen. Ich fand es hier aber auch sehr interessant. Alles war neu für mich. Die Verkehrsmittel, Autos, Straßen. Einfach alles.

Deine Schwester lebt auch in Deutschland, auch in Berlin, warum bist du nicht zu ihr gezogen?

Sie war selber in einer Gemeinschaftsunterkunft als ich hergekommen bin. Sie ist als Erste geflüchtet, mit Mann und Kind. Sie hatte keinen Platz für mich und musste sich anfangs erst einmal selberst orientieren.

Kannst du mir sagen, was in Deutschland für dich anders war als in Afghanistan, nachdem du einen ersten Einblick in unsere Gesellschaft bekommen hast?

Die Menschen hier sind einfach anders. Zum Beispiel bieten einem die Leute hier nicht so viel an, wie ich es aus Afghanistan gewohnt bin. Dort kann man kein Haus ohne vollen Magen verlassen und meistens bekommt man mehr angeboten, als man überhaupt essen und trinken kann. Hier ist das anders.

Also meinst du, die Leute hier sind unfreundlich?

Nein, nicht unfreundlich, einfach anders. Das bedeutet ja nicht, dass die Menschen unfreundlich sind, aber sie haben ein anderes Verständnis von Gastfreundlichkeit zum Beispiel. Aber was ich viel beeindruckender finde, ist, dass die Menschen hier Rechte haben und das auch wissen. Zum Beispiel gibt es keine Kinderarbeit und Kinder dürfen auch nicht geschlagen werden und man darf hier keinen Alkohol trinken und nicht rauchen wenn man unter 18 Jahre alt ist.

Findest du das gut?

Ja, das finde ich sehr gut. Das gibt es in Afghanistan alles nicht. Kinder und Jugendliche haben dort keine Rechte.

Und was findest du am besten, was sollte es in Afghanistan auch geben?

Allgemein das mit den Rechten. Ich finde, dass es in Afghanistan auch Rechte für Kinder und Jugendliche geben sollte. Oder allgemein Rechte, an die sich die Menschen auch halten. Aber das hängt auch mit der Regierung zusammen. Wir haben ja gar keine richtige Regierung.

Glaubst du, dass die Menschen hier denken, dass du anders bist?

Nein, das denke ich nicht. Und das merke ich auch nicht. Es ist mir zumindest noch nicht aufgefallen. Mir gegenüber verhalten sich die Leute hier ganz normal und das will ich auch so. Ich finde das auch gut so. Ich möchte nicht, dass man mich wie einen Geflüchteten behandelt. Aber manchmal in der Schule, da merkt man es.

Und was merkt man da, was merkst du da?

Naja, die deutschen Jugendlichen, die möchten nicht so gerne Kontakt zu einem haben. Ich habe zum Beispiel keine deutschen Freunde, obwohl ich seit fast zwei Jahren hier lebe.

Und was glaubst du woher das kommt?

Ich glaube, dass es zu viel ist.

Was ist zu viel?

Ja, das mit den Geflüchteten. Seit 2015 sind so viele Geflüchtete nach Deutschland gekommen… ich glaube einfach das war zu viel. Da müssen sich die Menschen hier ja auch erstmal dran gewöhnen. Das ist ja ganz normal.

Glaubst du denn, dass die Jugendlichen feindselig  dir gegenüber sind?

Nein, das glaube ich nicht. Die Deutschen sind ja schon zurückhaltend und schauen erstmal und ich glaube nicht, dass sie es böse meinen, wenn sie mit mir nicht so viel zu tun haben wollen. Die sind, glaube ich, einfach überfordert. Das ist zu viel gewesen und an neue Sachen muss man sich ja auch gewöhnen, so wie ich mich auch an Deutschland und alles hier gewöhnen musste.

Und was glaubst du, wie es in deiner Heimat wäre?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Mein Land ist kaputt. Ich glaube aber, die Menschen in Afghanistan wären verschlossener als hier. Kann das aber nicht mit Sicherheit sagen.

Gibt es in Afghanistan Ausländer*innen?

Ja, es gibt auch Ausländer*innen in Afghanistan. Überwiegend Inder*innen und Pakistanis, aber fast alle sind muslimisch. In Afghanistan gibt es vereinzelt auch andere Religionen, aber ich würde sagen 95% der Menschen dort sind muslimisch.

Glaubst du denn, dass Deutschland das mit den Geflüchteten richtig macht?

Ja. Ich finde es gut, was Deutschland macht. Dass man hier Zuflucht finden und sich sicher fühlen kann.

Fühlst du dich hier denn wohl?

Ja, doch, das tue ich. Nicht immer und manchmal ist es auch noch schwierig für mich, aber eigentlich fühle ich mich hier wohl und im Großen und Ganzen geht es mir hier auch gut. Natürlich bin ich nicht immer zufrieden mit allem, aber das ist auch ganz normal.

Und glaubst du, dass die afghanische Bevölkerung uns auch so aufnehmen würde wie Deutschland die Geflüchteten, auch Andersgläubige?

Die Landbevölkerung, würde ich sagen, ja. Aber die Städte sind anders. Sie bekämpfen sich gegenseitig. Und es ist in Afghanistan ein großer Unterschied ob du auf dem Land oder in der Stadt lebst.

Was meinst du mit „die Städte bekämpfen sich gegenseitig“?

Zum Beispiel die verschiedenen Ethnien, die haben in Afghanistan viel mit der Stadt, aus der du kommst, zu tun. Und die verschiedenen Bevölkerungsgruppen bekämpfen sich gegenseitig. So sagen die Paschtun*innen, dass sie besser seien als die Tadjik*innen. Das geht durch alle Bevölkerungsgruppen. Und das hat nicht nur was mit der Religion zu tun, also ob man Sunnit*in ist oder Schiit*in ist, sondern eben auch mit der Volkszugehörigkeit. Für viele, gerade für die älteren Menschen ist das sehr wichtig, noch immer.

Und spielt die Volkszugehörigkeit hier in Deutschland eine Rolle für dich oder andere?

Nein, hier ist das fast egal. Meine Generation, die neue Generation, ist da anders.

Glaubst du denn, dass das für die Jugendlichen in Afghanistan genauso ist?

Ja, ich glaube schon. Ich denke, dass das auch viel mit Bildung zu tun hat. Meine Generation ist gebildeter als zum Beispiel die Generation meiner Eltern oder Großeltern. Die Menschen aus meiner Generation gehen viel öfter zur Schule und sind aufgeklärter. Wir wissen mehr und grenzen weniger aus.

Und glaubst du, dass du hier bzw. ihr hier weniger Probleme aufgrund der Volkszugehörigkeit habt als in Afghanistan, oder als ihr in Afghanistan hättet?

Ja, ich glaube schon, dass es auch daran liegt, dass wir alle gemeinsam in einem fremden Land sind. Da spielt es nicht mehr eine so große Rolle, zu welchem Volk ich gehöre oder ob ich sunnitischer oder schiitischer Muslim bin. Ich bin Afghane, so wie die anderen. Die Volkszugehörigkeit ist hier weniger wichtig. Ich habe hier mit vielen anderen geflüchteten Jugendlichen nicht mal darüber geredet, aus welcher Stadt ich komme, demnach wissen die meisten auch gar nicht, welchem Volksstamm ich angehöre. Wir kommen alle aus Afghanistan und teilen ein Schicksal.

Und hast du schon Rassismus erlebt?

Ja, ein einziges Mal. Aber das war nicht so schlimm und ich weiß auch gar nicht mehr, wann genau das war und auch nicht, worum es ging.

Und in Afghanistan, angenommen es wäre alles gut in Afghanistan, wie wäre es dann da?

Naja, die Menschen wären nett und freundlich und auch sicherlich interessiert an der anderen Kultur. Afghan*innen sind meist zurückhaltend, aber trotzdem neugierig. Und du würdest das Haus deines/r Gastgeber*in immer mit einem vollen Magen verlassen. Und immer mehr Tee trinken müssen, als du kannst.

INTERVIEW: Sarah Kay Nardmann

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