Zusammenarbeit mit Frauenaktivistinnen in Libyen

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Manchmal beginnt die Stärkung von Frauen mit einer einfachen, aber genialen Idee. Die hatte Fathia ElMadani, Leiterin eines Beratungszentrums für Frauen in der ostlibyschen Stadt Bengasi und selbst politische Aktivistin. Wie überall auf der Welt ist ein Leben ohne Handy auch in Libyen längst nicht mehr vorstellbar. Wie ärgerlich also, wenn das Display gesprungen ist oder das Gerät eine andere kleine Macke hat. Nun geben libysche Frauen ihre Mobiltelefone aber nicht gern zur Reparatur in männliche Hände, der vielen privaten Fotos und Mitteilungen wegen. Daher bietet Fathia in ihrem Zentrum nun Reparaturkurse für Frauen an. Mit einem wunderbaren Nebeneffekt: Die Teilnehmerinnen bauen sich aus dem Gelernten nicht nur ein kleines Geschäft auf und erzielen ihr erstes eigenes Einkommen – gleichzeitig gewinnen sie an Stolz und Selbstbewusstsein.

Die wirtschaftliche Förderung von Frauen ist nur eine von vielen drängenden Aufgaben in dem krisengeschütteten Land. Bereits vor der Revolution im Jahr 2011 standen nur 27% der libyschen Frauen in einem Beschäftigungsverhältnis, im Gegensatz zu 65% der Männer. Inzwischen leiden vor allem junge Witwen, die ihren Ehemann aufgrund der Unruhen verloren haben, unter Perspektivlosigkeit und Verelendung.

Seit 2012 unterstützt die deutsche NGO AMICA e.V. zwei libysche Frauenorganisationen, die in den beiden größten Städten des Landes, der Hauptstadt Tripolis und Bengasi im Osten, psychosoziale Beratungszentren aufbauen. Bei regelmäßigen Treffen, die seit 2014 wegen der Sicherheitslage außerhalb des Landes stattfinden, stimmen die Partnerinnen Projekte und Zukunftspläne miteinander ab. Außerdem erhalten die libyschen Teams Weiterbildung und Coaching – eine wichtige Unterstützung der noch jungen Organisationen, denn die Lage vor Ort ist auch für die lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter belastend.

Nach mehr als vierzig Jahren Diktatur entstehen diese kleinen, geschützten Orte quasi aus dem Nichts.

In den Zentren vor Ort erhalten die Besucher*innen durch zertifizierte Sprach- und Computerkurse eine echte Chance auf ein berufliches Fortkommen. Zudem bieten Sozialarbeiterinnen kostenlose Hilfe an. Schwierige Fälle verweisen sie an Rechtsanwältinnen oder Therapeutinnen. Nach mehr als vierzig Jahren Diktatur entstehen diese kleinen, geschützten Orte quasi aus dem Nichts und schließen zumindest im überschaubaren Rahmen eine riesige Versorgungslücke. Denn für Frauen, die in Libyen aufgrund des Konflikts oder im häuslichen Umfeld Gewalt erleiden – dies ist mittlerweile in ca. 70% der Familien der Fall -, gibt es keinerlei staatliche Hilfen. Gewalt wird als „Familienangelegenheit“ totgeschwiegen, den betroffenen Frauen oftmals die Schuld angelastet. Viele werden von ihren Familien verstoßen oder landen unverschuldet im Gefängnis. Die Sozialarbeiterinnen in Tripolis besuchen daher auch inhaftierte Frauen. Eine absolute Neuerung ist das Notfalltelefon, welches Frauen in Krisen rasche Unterstützung bietet.

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 Zugang zu Recht und Ressourcen liegt fast ausschließlich in den Händen derer, die Waffen tragen – überwiegend Männer.

Frauen in Libyen leiden unter vielfältigen Formen der Diskriminierung. Das Wiederaufflammen des Krieges im Sommer 2014 hat ihre Lage noch verschlechtert. Alles ist knapp geworden, Strom, Nahrungsmittel, Medikamente, Bargeld, doch der Zugang zu Recht und Ressourcen liegt fast ausschließlich in den Händen derer, die Waffen tragen – das sind überwiegend Männer. Bis zu 600.000 Menschen mussten zeitweilig aus ihren Häusern fliehen, vor allem Frauen und Kinder. Sie fanden in Schulen und leerstehenden Fabrikhallen Unterschlupf, doch geeignete Rückzugsorte, getrennte Sanitäranlagen oder Schutzräume gibt es kaum. Die größte Frauenklinik im Ostteil des Landes, das Jomhuria Hospital in Bengasi, musste schließen, zusammen mit vier weiteren Krankenhäusern. Schwangere mit teils schwerwiegenden Komplikationen wurden an überteuerte Privatkliniken oder Militärkrankenhäuser überwiesen, in denen es immer wieder zu Übergriffen auf Patientinnen und das Personal kommt.

Frauen in Libyen werden zudem grundlegende Rechte verwehrt. So erhält eine Libyerin, die einen Mann nicht-libyscher Herkunft heiratet, keine Möglichkeit, einen Pass zu beantragen, ihre Kinder werden nicht als libysche Staatsbürger anerkannt. Ohne Pass kann die Frau jedoch viele Rechte nicht wahrnehmen, z.B. das Wahlrecht. Für einen Mann, der eine Frau anderer Nationalität ehelicht, gelten diese Beschränkungen nicht. Große Proteste rief im Februar 2017 das Reiseverbot in Ost-Libyen hervor, das Frauen im Alter zwischen 18 – 60 Jahren betraf, sofern sie keinen männlichen Begleiter hatten. Die Demonstrantinnen und Demonstranten erreichten immerhin, dass die Vorschrift wieder außer Kraft gesetzt wurde. Allerdings brauchen nun alle Libyerinnen und Libyer zwischen 18  und 45 Jahren für eine Reise eine Sicherheitsgenehmigung. Frauen benötigen zudem die Erlaubnis des Familienoberhaupts, also des Ehemannes oder des Vaters.

Während der Revolution gingen sehr viele Frauen auf die Straße und demonstrierten für ein freies, friedliches und demokratisches Libyen. Ein mutiger Schritt, denn das politische Auftreten von Frauen galt lange als anrüchig, unter anderem wegen der bizarren Auftritte der weiblichen Garde von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Als nach dessen Sturz die Wahlen zur zweiten Interimsregierung, dem Nationalkongress, anstanden, ließen sich 647 Kandidatinnen aufstellen. Jeder zweite Listenplatz ging an eine Frau, Tausende unterstützen ihre Kandidatinnen ehrenamtlich, arbeiteten in den Wahllokalen und als Wahlbeobachterinnen. Doch von 200 Sitzen gingen nur 33 Mandate an Frauen.

Untersuchung zeigen: Frauen sind wichtig für Stabilisierung und Wiederaufbau.

Seitdem hat ihr Einfluss rapide abgenommen. Die libysche Frauenrechtsorganisation Jusoor spricht sogar von einer strukturellen Ausgrenzung von Frauen auf allen Ebenen politischer Macht und Entscheidungsgewalt. Das ist fatal, denn Untersuchungen von UN WOMEN belegen, wie wichtig Frauen für Stabilisierung und Wiederaufbau von Nachkriegsregionen sind. Friedensabkommen würden deutlich länger eingehalten, wenn Frauen an den Verhandlungen beteiligt sind. Zudem investierten sie in Nachkriegsregionen eher in soziale Bereiche wie Gesundheitsvorsorge und Ausbildung oder in das Wohlergehen ihrer Familien. Dennoch hat man in Libyen Friedensgespräche spätabends und an entlegenen Orten angesetzt, die Frauen um diese Uhrzeit nicht gefahrlos erreichen können. Einen traurigen Höhepunkt erreichte ihre Ausgrenzung aus Politik und öffentlichem Leben, als am 25. Juni 2014 die Menschenrechtsaktivistin und Anwältin Salwa Bughaigis in ihrem Haus in Bengasi ermordet wurde.

„Wir müssen uns fragen, ob wir in dieser Welt unser Leben so leben können, wie wir es uns wünschen“, schrieb kürzlich eine Sozialarbeiterin aus Tripolis, „oder ob wir eine andere Welt schaffen müssen, in der unser Leben freudvoller sein kann.“ Gerade deshalb setzen sich die beiden libyschen Frauenorganisationen trotz der Risiken beharrlich und auch in der Öffentlichkeit für Frauenrechte und Frieden ein. Gemeinsam mit über 40 anderen libyschen Aktivistinnen schrieb Fathia ElMadani in Genf an einer Friedensagenda für Libyen mit. Sie will die Gleichstellung von Frauen und Männern in der neuen Verfassung Libyens verankern und gibt ihr Wissen unermüdlich an andere NGO, Aktivistinnen und Behörden weiter. Ruquaya Glesia, Leiterin der Organisation in Tripolis, reist regelmäßig zur Frauenrechtskommission nach New York, um über die Lage der Frauen in ihrem Land zu berichten. Ihr Team hat kürzlich eine Kampagne gestartet, mit der Mütter, Lehrerinnen und Lehrer, die Sozialarbeiterinnen des Zentrums sowie Schulsozialarbeiter*innen verhindern wollen, dass Milizen Schüler*innen aus den Abschlussklassen in armen Stadtvierteln abwerben. Gemeinsam setzen sie sich gegen die Radikalisierung und Militarisierung ihrer Söhne ein – für den Frieden von morgen.

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TEXT: Heide Serra, AMICA e.V.

 

Infobox AMICA e.V.

Die Hilfsorganisation AMICA e.V. wurde 1993 während des Bosnienkrieges gegründet. Sie setzt sich für Frauen und Mädchen ein, die unter den Folgen von Kriegsgewalt in ihren Heimatländern leiden.

Vor Ort baut AMICA e.V. in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen Beratungszentren auf, in denen Fachkräfte aus sozialen, rechtlichen und medizinischen Berufen arbeiten. Durch die Förderung lokaler Initiativen stärkt AMICA e.V. die Zivilgesellschaft und trägt zur Friedenssicherung bei. Aktuell ist AMICA e.V. in Libyen, für syrische Flüchtlinge im Libanon, in Bosnien-Herzegowina sowie in der Ukraine tätig. Weitere Projektländer waren Jordanien, die russische Republik Tschetschenien, die besetzten palästinensischen Gebiete, Kosovo und Mazedonien. Für das langjährige Engagement wurde AMICA e.V. mehrfach ausgezeichnet.

Wenn Euch die Arbeit von AMICA gefällt, könnt ihr sie gerne mit einer Spende unterstützen!

Weitere Infos: http://www.amica-ev.org

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