A09a-Franzi

Es ist ein Morgen, wie jeder andere auch. Ich komme – ein wenig zu spät, wie fast immer – auf unser kleines, unscheinbares Gelände, gelegen in einem großen, bekannten Stadtteil Indiens und geselle mich unauffällig zum singenden Gebetskreis. Ich schaue jede*m meiner Schüler*innen einzeln und mit einem breiten Grinsen einmal tief in die Augen. Das mache ich immer so wenn ich zu spät bin und nicht jeden persönlich mit einer Umarmung oder einem High-Five mein stummes „Guten Morgen, wie schön dich heute hier zu sehen!“, sagen kann.

Nachdem wir unseren morgendlichen Ritus beendet haben, merke ich, dass heute etwas anders zu sein scheint: es herrscht eine leicht angespannte Stimmung, der allgemeine Ton ist eher rau, und als ich zum Spieleschrank gehen möchte, um ein kleines Puzzle zu holen, wird mir freundlich aber bestimmend gesagt, dass heute Vormittag nicht gespielt wird. Etwas verwirrt lege ich das Puzzle zurück und setze mich zu meinen Kolleginnen, die mir daraufhin erklären, dass heute ein paar wohlhabende Leute bei uns vorbeischauen würden, um sich das Zentrum und unsere Arbeit und Aktivitäten mal anzuschauen.

„Na toll, mal wieder Sponsor*innenzirkus“, denke ich mir. Ich kenne das Prozedere, schließlich sind unsere heutigen Besucher*innen lange nicht die ersten ihrer Art. Deswegen ist die Choreografie für einen solchen Tag auch festgelegt und wirkt nahezu perfekt einstudiert. Es wird ein Stuhlkreis gebildet und alle werden aufgefordert sich auf ihrem Platz gerade hinzusetzen und still zu sein. Dass die Sponsor*innen noch gar nicht da sind, spielt keine Rolle, denn sie könnten ja jederzeit um die Ecke kommen, und dann muss alles perfekt sein.

Als unsere Gäste dann endlich kommen, läuft alles wie geplant. Die Schüler*innen stehen nacheinander einzeln auf, deuten mit gefalteten Händen ein „Namaste“ an, setzen sich wieder, und zum Abschluss wird noch ein Lied gesungen. Ein Ablauf, den ich so ausschließlich von Sponsor*innen-Besuchen kenne.

Kurz bevor die Gruppe wieder geht, komme ich mit einer der Frauen ins Gespräch. Ich erzähle ihr die übliche Kurzfassung über mich, meine Herkunft, Tätigkeit und Beweggründe und gerade als sie zum Verabschieden ansetzt, sagt sie diesen einen Satz: „Ich finde es sehr bewundernswert, dass du mit denen arbeitest.“

Mit denen. Erst im zweiten Moment merke ich, wie geschockt ich von diesem Ausdruck bin. Mit denen, die Menschen mit Behinderung. Es ist nicht das erste Mal, dass ich einen solchen Ausdruck im Zusammenhang mit meiner Arbeit zu hören bekomme. Viele, denen ich noch in Deutschland erzählte, dass ich bald in einem Lernzentrum für Menschen mit Behinderung arbeiten würde, zeigten eine ähnliche Reaktion. Und doch frage ich mich immer wieder aufs Neue, warum so viele Menschen dazu neigen, Gesellschaften aufzuteilen, und zwar am liebsten in die und wir. Warum haben so viele scheinbar den unterbewussten Drang, oder zumindest nichts dagegen, Menschen aus ihrem Kreis auszuschließen, sich von ihnen abzugrenzen?

Und die für mich in diesem Moment wichtigste Frage: Warum gehören Menschen mit Behinderung oft schon ganz automatisch nicht zum wir mit dazu? Menschen mit Behinderung werden häufig, sowohl in Deutschland als auch in Indien, als eine Randgruppe der Gesellschaft dargestellt. „Gut, dass sich jemand um die kümmert; um die, für die ja eigentlich keine reelle Hoffnung auf ein integriertes Leben in unserem Kreis mehr besteht“, scheinen sich viele zu denken.

Nach wie vor sichtlich verwirrt von der eben gehörten Aussage, helfe ich meinen Kolleginnen, den Stuhlkreis wieder aufzuräumen. Unsere Schüler*innen haben sich mittlerweile schon wieder längst auf dem Gelände verteilt und ihre Lieblingsplätze gesucht. Sakshi sitzt wie fast immer neben mir, und wartet gespannt darauf, was als nächstes passiert. Ich gehe nun also doch zum Spieleschrank, hole das Puzzle heraus, und fange mit ihm und zwei anderen Schüler*innen an, die mal größeren, mal kleineren Teile in den sauber geschnitzten Holzrahmen zu setzen, der zwar schon ein paar Jahre auf dem Buckel zu haben scheint, vermutlich aber einmal von Sponsor*innen als Geschenk mitgebracht wurde. Ein normaler Tag beginnt.

TEXT Franziska Feske

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