Über Frauen-Selbsthilfegruppen und Emanzipation

Eigentlich war „Vimuktha“ der Titel eines Projektes, das eine indische NGO ins Leben gerufen hatte, um Kinderarbeit zu reduzieren. Das Projekt bestand nicht nur daraus, die Kinder durch Brückenschulen wieder in das reguläre Bildungssystem zu integrieren, sondern hatte auch das Ziel, dem Grund von Kinderarbeit entgegenzuwirken – Familien finanziell zu stärken. Gerade Frauen sollten dazu motiviert werden in die Berufstätigkeit einzusteigen. Nachdem die Förderung für das Projekt ausgelaufen war, entstand ein Netzwerk aus Frauen-Selbsthilfegruppen, das größer und größer wurden. Mittlerweile ist Vimuktha eine eigene Föderation mit über 100 verschiedenen Gruppen. Wichtigstes Ziel ist neben verbesserten Lebensbedingungen für Kinder vor allem die Emanzipation der Frau. Wir haben uns mit Mahalakshmi unterhalten, eine 38-jährige Mutter, die Teil von Vimuktha ist.

INTERVIEW Hannah Schmidt
TEXT Paula Heidemeyer

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Mahalakshmi hat die 12. Klasse abgeschlossen. Anstatt ihre Ausbildung an einem College oder einer Universität weiterzuführen, ist sie zu Hause geblieben. Mit 20 Jahren heiratet sie und übernimmt in der Ehe die Rolle der Hausfrau und bald auch die der jungen Mutter. Ihr Ehemann arbeitet als Tischler mit einem monatlichen Gehalt von 5.000 RS.
Doch obwohl die wachsende Familie in einem günstigen Mietshaus wohnt, wo Mutter, Vater, Sohn und Tochter in einem Zimmer schlafen, wird das Geld knapp als die Kinder älter werden. Denn Mahalakshmi und ihr Mann haben entschieden die beiden auf eine Privatschule zu schicken, um ihnen eine bessere Bildung zu ermöglichen. 18.000 RS betragen allein die Schulkosten pro Kind im Jahr – das ist mehr als die Hälfte des familiären Einkommens. Daher probiert Mahalakshmi ein bisschen was dazu zu verdienen und fängt an Blumenketten und Schmuck selbst herzustellen. Den Schmuck verkauft sie eher informell an Freude, ohne einen erwähnenswerten Gewinn. Doch für die Blumenketten bekommt sie 100 RS am Tag.
Um nicht nur die Schulkosten, sondern auch die Ausgaben für Geburtstage und Feierlichkeiten zu decken, muss sich die Familie trotzdem Geld bei Freunden und Verwandten leihen. Nach und nach haben sie damit eine Summe von 300.000 RS zusammen bekommen. Um sich die College Ausbildung des Sohns leisten zu können, nehmen sie schließlich auch noch einen Kredit von 500.000 RS bei einem Geldverleiher auf, den sie mit 10% Zinsen zurückzahlen müssen.
Die finanziellen Probleme machen Mahalakshmi emotional zu schaffen. Sie macht sich große Sorgen, wie die Familie je aus diesem Teufelskreis herauskommen soll. Doch, so sagt sie selbst, fühlt sie sich damals abhängig und unsicher. Meistens ist sie zu Hause, anstatt auch mal rauszugehen und in irgendeiner Form aktiv zu werden. Sie träumt zwar davon ein eigenes Geschäft zu beginnen und einen Laden zu eröffnen, doch die Vorstellung liegt für sie in weiter Ferne und ist kein realistisches Ziel.

Zusammen sind sie stark

Als Mahalakshmi über Gespräche in der Nachbarschaft von der Vimuktha Föderation erfährt, sieht sie eine Chance ihren Traum zu verwirklichen. Sie spricht mit der Vorgesetzten und tritt 2013 einer Frauen-Selbsthilfegruppe bei. Die Frauen in ihrer Gruppe ermutigen sie dazu ein eigenes Geschäft mit dem Weiterverkauft von Sarees zu beginnen und versprechen ihr, Kundinnen und Werbetreiberinnen  zu sein. Ohne Kapital ist der Anfang nicht leicht. Doch die Gruppe stellt Mahalakshmi von den internen Ersparnissen immer wieder kleine Kredite zur Verfügung, insgesamt 15.000 RS. Damit schafft sie es, zu Beginn und auch später, finanzielle Notlagen zu überstehen. Außerdem profitiert sie von der Interaktion mit den anderen Frauen, die ihr zum Beispiel erzählen, dass Sarees in Chennai oder Bangalore viel billiger zu bekommen sind als in ihrem Heimatort Coimbatore. Mahalakshmi beginnt die langen Fahrten in die Metropolen auf sich zunehmen mit dem Ergebnis, dass sie ihre Produkte in Coimbatore zu einem noch angemessenen Preis verkaufen kann, damit aber 20% Gewinn macht.

Ermutigt durch den Erfolg ihres Geschäfts, verwirklicht Mahalakshmi noch eine andere, eigene Idee. Sie arrangiert Pakete mit allen Lebensmitteln, die eine vierköpfige Familie im Monat so braucht. Diese 17,5kg schweren „Familienpakete“ bietet sie für 38 RS innerhalb der Vimuktha-Gemeinschaft an. Wer bei ihr kauft, erspart sich die Mühe und Zeit des Einkaufens.
Leider gibt es in Mahalakshmis Selbsthilfegruppe vermehrt interne Schwierigkeiten: die Gruppenmitglieder verstehen sich nicht gut, einige zahlen ihre Kredite nicht zurück. Deswegen beschließt sie an einem neuen Programm von Vimuktha teilzunehmen, dem Joint-Labour-Group-Program, kurz JLG. Hierbei geht es weniger darum als Selbsthilfegruppe zusammen zu kommen und sich gegenseitig zu unterstützen, sondern vielmehr darum eine Zweckgemeinschaft zu bilden, die dann als Teil der Vimuktha-Föderation auch größere Kredite von der Bank bewilligt bekommt. Seitdem die JLGs vor einem halben Jahr entstanden sind, leitet und koordiniert Mahalakshmi die 15 Gruppen in ihrem Stadtteil. Die ehrenamtliche Aufgabe macht ihr total Spaß. Sie erzählt, das Netzwerk mit aufzubauen sei für sie, wie wenn sie Menschen dabei helfen würde eine Familie zu werden.

Auch große Veränderungen beginnen mit einem kleinen Schritt

Obwohl Mahalakshmi trotz der Unterstützung von Vimuktha noch keinen großen, externen Kredit von einer Bank bekommen hat, hat die Mitgliedschaft in der Föderation ihr Leben entscheidend beeinflusst. Heute wohnt sie mit ihrer Familie in einem Haus mit zwei Zimmern, für das sie eine Miete von 3.500 RS zahlen müssen. Doch die monatlichen Ausgaben in dieser Höhe sind für sie kein Problem mehr. Mahalakshmi hat sich entwickelt, von einer Hausfrau zu einer Geschäftsfrau, die sogar mehr verdient als ihr Ehemann (schon allein der Saree-Verkauf beschert ihr ein Einkommen von 5.000 RS). So hat sie ihrer Familie ermöglicht die Kredite zurück zu zahlen und kann mittlerweile jeden Monat mindestens 2.000 RS beiseitelegen, um für die Eröffnung eines eigenen Ladens zu sparen. Nicht mehr die Freunde mit den eigenen finanziellen Sorgen zu belasten, sondern auch mal in der Lage zu sein selbst auszuhelfen, empfindet Mahalakshmi als große Entlastung.
Fragt man sie nach Veränderungen unabhängig von der finanziellen Lage, so sagt sie „früher habe ich die Welt nicht gekannt“. Heute hingegen sei sie eine selbstbewusste Frau, die regelmäßig das Haus verlässt und einen großen Freundeskreis hat. Es sind nicht nur die Frauen aus Vimuktha, die sie kennengelernt hat, ihr Geschäft hat auch das Verhältnis zu ihren alten SchulfreundInnen wieder aufblühen lassen, denn die sind regelmäßige Kunden geworden.

Durch die Selbsthilfegruppen hat Mahalakshmi auch den Umgang mit Computer und Handy gelernt. Sie nutzt sogar WhatsApp, um für ihre Produkte zu werben und ihre KundInnen von zu Hause aussuchen zu lassen, welchen Saree sie gerne hätten. Außerdem hat sie an einem Vimuktha Programm teilgenommen, das Frauen ermöglicht hat den Führerschein zu machen. Zwar hat Mahalakshmi kein eigenes Auto, aber sie fährt regelmäßig mit dem ihrer Verwandten. Die Mitgliedschaft in der Föderation bringt sie nicht nur finanziell ihrem Traum einen eigenen Laden zu eröffnen, näher, sie hilft ihr auch Fähigkeiten zu lernen, die bei der Umsetzung des Plans wichtig sein werden.

Kurz bevor wir gehen, erzählt uns Mahalakshmi noch, dass morgen der große Tag ist, an dem ihr Netzwerk aus JL-Gruppen das erste Mal einen externen Kredit von der Bank bekommt: 100.000 RS pro Gruppe, 20.000 RS pro Person. Da Mahalakshmi nicht nur die Koordinatorin, sondern auch selbst Mitglied einer Gruppe ist, wird auch sie davon profitieren. Mit dem Geld möchte sie ihr Geschäft erweitern, denn das ist die Regel in den JL-Gruppen: Die Kredite dürfen nicht in ein Anwesen oder ein einmaliges Event investiert werden, sondern sollen in das Business fließen, mit nachhaltigem Erfolg. Mahalakshmi plant nicht nur Sarees, sondern demnächst auch Unterröcke, Sareeblusen und BHs zu verkaufen. KundInnen sollen bei ihr nicht nur tollen Sareestoff bekommen, sondern auch all das, was dazu gehört, damit der Saree getragen werden kann. Die zusätzlichen Einnahmen möchte Mahalakshmi für drei Dinge sparen: einen eigenen Laden, ein eigenes Haus und ein eigenes Auto.

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Das Interview fand im Januar 2016 statt.