PORTRAIT Sie war die erste Richterin im Iran, hat als Anwältin liberale Oppositionelle verteidigt. Schließlich wurde sie selbst angeklagt, zu einer Bewährungsstrafe und Berufsverbot verurteilt. Shirin Ebadi hat im Gericht schon auf verschiedenen Stühlen gesessen, jedoch immer mit dem gleichen Ziel: Gerechtigkeit. – Ein Portrait einer herausragenden Jurisitin, Feministin und Menschenrechtsaktivistin.

TEXT Zoe Vogel und Paula Heidemeyer

Gläubige Muslimin oder eine Verfechterin der Frauenrechte? Überzeugte Juristin in einem Land, in dem das islamische Recht (die Scharia) Gesetzesgrundlage ist oder eine Vertreterin der freien Demokratie? Für Shirin Ebadi steht zwischen diesen Begriffen kein „oder“ sondern ein „und“. Sie vereint in sich, was sich in unserem Schubladendenken schlecht in einem Bild zusammenfassen lässt. Das bedeutet, dass es sie stört wenn im Iran ein Mann nur dreimal „Ich lasse mich von dir scheiden“ aussprechen kann um sich aus der Ehe zu lösen, während eine Frau dafür mindestens psychisch krank oder unfruchtbar sein muss. Das bedeutet, dass sie auf Wunsch einer Fraktion von ParlamentarierInnen einen Gesetzesentwurf dagegen verfasst. Das bedeutet aber auch, dass ihr Gesetzesentwurf nicht nur einen großen Fortschritt für das Leben der iranischen Frauen beinhaltet, sondern auch völlig konform mit schiitischem Recht ist.

In einer Zeit, in der auch im Iran noch Minirock getragen wurde – Biografischer Hintergrund

Shirin Ebadi kommt 1947 als zweite Tochter eines bürgerlichen Elternhauses zur Welt. Kurz nach ihrer Geburt zieht die Familie nach Teheran, wo auch ihr jüngerer Bruder geboren wird. Die drei Kinder werden von ihren Eltern stets gleichberechtigt behandelt. Dass das im Iran nicht Normalität sondern eine Ausnahme war, habe sie selbst erst später festgestellt, schreibt Ebadi in ihrer Autobiografie.

Ab 1965 studiert die junge Shirin an der Teheraner Universität Jura, in einer Zeit, in der dort noch Minirock getragen wurde. Sie beteiligt sich an politischen Demonstrationen, macht ihren Abschluss und schreibt eine Doktorarbeit. 1975 übernimmt sie den Vorsitz des Teheraner Stadtgerichts – als erste Frau in dieser Position und als Irans erste Richterin.

Kleiner Exkurs: Die Islamische Revolution

Nachdem die Alliierten seinen Vater zur Abdankung gezwungen hatten wurde Mohammed Reza Pahlavi Schah des damaligen Persiens. Die Besatzungsmächte duldeten ihn, da er mit ihnen kooperierte.

Nach dem Ende der Besatzungszeit gestaltete sich eine demokratische Zusammenarbeit mit dem Parlament, das zuvor nur eine Scheinfunktion gehabt hatte, als schwierig. Vor allem kam es zu Konflikten zwischen dem Schah und dem demokratisch gewählten Premierminister Mossadegh, der die Ölfelder verstaatlichte und dem Schah seine Macht in der Außenpolitik absprach. Nach einem gescheiterten Versuch den Premierminister aus seinem Amt zu entheben, floh der Schah ins Ausland. Im August 1953 organisierten der CIA mit Teilen der persischen Armee einen Putsch, stürzte Mossadegh und etablierte Mohammed Reza Pahlavi wieder in seinem Amt.

Nach dieser Demütigung wurde der Schah immer autoritärer. Er modernisierte das Land in seinem Sinne, was vor allem an eine Angleichung an den Westen bedeutete. Und während die Familie des Schahs und sein Kabinett zum Mittagessen nach Paris flogen, wuchs der Unmut der Bevölkerung. Die schiitische Geistlichkeit befürchtete u.a. ihren Landbesitz abgeben zu müssen und die Einführung eines Frauenwahlrechts. Der Missbrauch der Staatskasse stärkte die Oppositionsbewegungen.

Zu dieser Zeit trat auch zum ersten Mal der Ajatollah Chomeini auf die Bühne des politischen Geschehens. Aufgrund seiner scharfen Widerworte wurde er nach mehreren Gefängnisaufenthalten schließlich des Landes verwiesen. Doch auch aus dem französischen Exil war er politisch aktiv und sprach mit seiner Forderung die Tyrannei der Eliten abzuschaffen und die Bevölkerung an die Macht kommen zu lassen, vor allem auch die verarmte Landbevölkerung an.

Nachdem ein persischer Zeitungsartikel Chomeini massiv beleidigte, brach in Teheran Protest aus. Die Demonstrationen wurden zunächst von der Polizei gewaltsam niedergeschlagen, dann wieder reagierte der Schah mit Annäherungsversuchen, schließlich floh er ins Ausland.
Chomeini kam kurz darauf aus dem Exil zurück. Aus taktischen Gründen integrierte er in seinen Reden auch immer wieder Slogans der linken Oppositionsbewegung, die für Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit kämpfte. So gelang es ihm, dass in einer Volksentscheidung die Mehrheit der Bevölkerung für die Errichtung einer Islamischen Republik stimmte. Am 1. April 1979 wurde die Islamische Republik Iran offiziell ausgerufen.

Damit war die islamische Revolution vollbracht, Persien war zu einem Staat geworden, indem die Religion (hier die Scharia) die Vorherrschaft im politischen System hat. Der Ajatollah hatte es geschafft Intellektuelle und einfache BürgerInnen zu vereinen, in dem Glauben für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen.

Eigentlich Befürworterin der Islamischen Revolution, trägt Shirin Ebadi nach dem Machtantritt von Ajatollah Ruhollah Chomeini bereitwillig ein Kopftuch auf der Arbeit. Trotzdem wird die 1969 als Frau aus ihrem Amt entlassen und zur Sekretärin des Gerichtshofs degradiert. Als der Ajatollah mit einer neuen Amtshandlung den Wert einer Frau auf die Hälfte eines Mannes herabsetzen möchte – indem die Aussagen einer weiblichen Zeugin vor Gericht nur noch halb so viel zählen und weibliche Opfer nur die Hälfte des Entschädigungsgeld erhalten – ist Ebadi schockiert. Sie überredet ihren Mann zu einem notariellen Ehevertrag, der ihr das gleiche Scheidungsrecht und das alleinige Sorgerecht für eventuelle Kinder gibt.

Auf die Interpretation kommt es an – Ebadi als gläubige Muslimin

Wie fast alle iranischen MuslimInnen folgt auch Ebadi den Schiismus. Nachdem Sunnismus ist es die zweitgrößte Glaubensrichtung im Islam. Oft heißt es, die beiden Strömungen unterscheiden sich vor allem durch die Streitfrage wer die islamische Religion führen darf. Für Ebadi ist der wesentliche Unterschied jedoch ein anderen: „Ijtihad“. Übersetzt bedeutet das soviel wie „Bemühung um ein eigenes Urteil“. Gemeint ist ein Konzept, das die rationale Bewertung und Auslegung religiöser Schriften nach der heutigen Zeit ermöglicht. Laut sunnitischem Glauben ist das nur eingeschränkt möglich.

Während Teheran durch die politischen Spannungen mit dem Irak immer unsicherer wird, beantragt Shirin Ebadi ihre Pension. Gerne entlässt man die unbequeme Mitarbeiterin nach 15 Jahren aus ihrem Dienst – so wie es StaatsbeamtInnen zusteht. Die Juristin ist mittlerweile zweifache Mutter und zieht mit den Kindern wenig später ans kaspische Meer, um den Raketen und Flugzeugangriffen zu entfliehen. Ins Ausland möchte sie aber nicht, es sei wichtig aus dem Inneren eines Landes für Veränderung zu kämpfen. Sie schreibt Artikel und hält Vorträge gegen eine Fehlinterpretation des Korans.

Man kann die Menschen nicht durch Bomben lehren – Ebadi als Menschenrechtsaktivistin

Als sich die politische Lage nach dem Tod des Ajatollahs etwas entspannt, eröffnet Ebadi zurück in Teheran ihre eigene Kanzlei. Von hier aus verteidigt sie die Fälle politischer Dissidenten. 2000 wird sie für ihre Tätigkeit angeklagt, verbringt mehrere Wochen in Haft und bekommt ein zeitlich begrenztes Berufsverbot.

Doch Ebadi war nie nur Anwältin. Schon 1994 gründet sie mit MitstreiterInnen eine Kinderrechtsorganisation. 2002 eröffnet sie ein Zentrum für Menschenrechte, das Minderheiten und Regimegegner juristisch unterstützt. „Für ihre Bemühungen um Demokratie und Menschenrechte“ wird ihr 2003 der Friedensnobelpreis verliehen. Damit setzt das Komitee aus Oslo ein Zeichen. Nicht nur gegenüber dem Iran, dessen Presseagentur kommentarlos berichtet eine iranische Anwältin habe den Preis gewonnen. Sondern auch gegenüber dem Westen, denn als bekennende Muslimin ist Shirin Ebadi ein Sinnbild dafür, dass Islam und Feminismus kein Widerspruch sein müssen.

Doch auch wenn es die lokalen politischen Strukturen sind und nicht die Religion, wird für Ebadi das Leben in ihrem Heimatland immer schwerer. 2005 lädt man sie beim Revolutionsgericht vor, 2006 versucht die Regierung erstmals ihr Zentrum für Menschenrechte zu schließen, nachdem sich die Juristin in Teheran an Großdemonstrationen für Menschenrechte beteiligt hat. 2008 gelingt die Schließung dann. 2009 heißt es plötzlich aus Norwegen: die iranische Regierung habe Ebadis Bankschließfach geräumt und Medaille und Urkunde des Friedensnobelpreises beschlagnahmt. Der Grund? – die Anwältin hatte ihren Preis nicht versteuert.

Shirin Ebadi geht daraufhin ins Exil nach Großbritannien. Auch von hier aus setzt sie sich weiter für Menschenrechte ein und bekommt für ihre Aktivität weitere Auszeichnungen. Neben scharfer Kritik an den Strukturen in ihrem Heimatland wird aber auch ihr pazifistischer Anspruch immer wieder deutlich: man könne Menschen die Menschenrechte nicht durch Bomben beibringen, sagt sie in einer Rede gegen Militäraktionen im Iran. In einer anderen Rede bitte sie alle UN-Mitgliedsstaaten ihre Militäraktionen um 10% zu verringern und das Geld stattdessen in Bildung und Entwicklung zu investieren, „dann hätten wir heute nicht das Problem mit dem IS“.

Lass doch die Frauen selbst entscheiden – Ebadi als Feministin

Und zu guter Letzt tritt Ebadi immer wieder als überzeugte Feministin auf. So nimmt sie ihren Friedensnobelpreis 2003 ganz bewusst ohne Kopftuch entgegen, im Westen sei man schließlich frei indem wie man sich kleide. Auf ihrer Arbeit trage sie ein Kopftuch, da sie sich als Juristin selbstverständlich an das geltende iranische Gesetz halte. Befürworterin eines Kopftuchverbots, wie es in verschiedenen europäischen Ländern immer wieder diskutiert wird, ist Ebadi aber auch nicht. Frei sein bedeutet eben auch, sich verschleiern zu können, wenn man möchte.

Und was ist jetzt mit dem Gesetzesentwurf, der, konform mit den schiitischem Schriften, die Rechte der Frau im Iran verbessern soll? Wurde er angenommen? – Nein, aber das macht nichts. Denn auch ohne eine Verfassungsänderung hat Shirin Ebadi es geschafft, unzähligen IranerInnen Hoffnung zu geben – und den Ton der Feminismus-Diskussionen zu ändern.

Der Iran ist heute ein Land mit einer blühenden Szene von feministischen Bewegungen. International wird von #Mystealthyfreedom berichtet, eine Bewegung, die den Kopftuchzwang in der Heimat kritisiert, denn im Iran muss jede Frau ihre Haare verdecken, sobald sie das Haus verlässt. Immer mehr Frauen schließen sich an und posten in den sozialen Netzwerken Fotos ohne Kopftuch. Oft fliegt das Tuch in ihren Armen durch den Wind, in der bzw. in die Freiheit. Schöne Fotos sind es, bunt und mutig. Dabei fällt es schwer, das Ausmaß der Konsequenzen zu erfassen, die diese Frauen damit in Kauf nehmen. Und doch, kämpfen sie für ihre Rechte, koste es, was es wolle. Genau wie Shirin Ebadi.

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