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Das sind die ersten Worte des Gedichts, das Satshya Tharien zum Internet Phänomen gemacht hat. Ein Gedicht, mit dem die junge Bloggerin ihre Stimme erhebt, gegen das Beschuldigen der OpferInnen nach den Übergriffen in Bangalore. Ein Gedicht für die Selbstbestimmung der Frau.

In der Silvesternacht haben die Neujahrsfeiereien in Indiens IT Zentrum Bangalore einen hässlichen Wandel genommen. Auf der berühmten Bridge Road stellten sich den NachtschwärmerInnen Horden betrunkener Männer entgegen, die, Berichten zu Folge, anfingen die Frauen um sie herum zu belästigen. Der Vorfall erinnert an die Ereignisse 2015/16 in Köln, wo Frauen von einer großen Gruppe Männer in der Nähe des Bahnhofs belästigt wurden. Kurz nach dem das Bildmaterial der indischen Vorfälle bei den nationalen TV-Screens aufgeschlagen ist, wurde Politiker Abu Azmi gebeten dazu Stellung zu nehmen. Azmi, der in frauenfeindlicher Äußerung Geschichte schreibt, ist auch diesmal seinem Charakter treu geblieben. Er sagte, die Vorfälle seien unvermeidbar gewesen, denn „Männer sind wie Ameisen und Frauen sind wie Zucker, Männer sind wie Feuer und Frauen sind wie Benzin – wie können Sie nicht erwarten, dass so etwas passiert?“.

Als ich zur Nachtschicht im Büro war, hatte ich das Pech noch eine weitere Rede von Mr. Abu Azmi zu hören, die er auf einer Kundgebung hielt. Es war nachdem er in seiner unsinnigen Bemerkung Frauen mit Zucker und Benzin verglichen hatte. Auf der Kundgebung fing er damit an zu erzählen, dass wegen ihm nun große Kontroversen auf allen TV-Sendern ausgebrochen waren. Und man-o- man, schien ihn das zu freuen: „Es gibt die bekannte Redewendung – verachte mich, rühme mich, aber vergesse mich nicht. Und das ist was mit mir passiert“.

Vielleicht glaubt Abu Azmi tatsächlich an das, was er gequasselt hat, vielleicht ist er aber auch nur ein Opportunist. Wie auch immer, die Debatte bewegte sich weg von den bedauerlichen Massenbelästigungen in Bangalore, hin zu dem Politiker aus Maharashtra, dessen Forderung nach Ruhm wie die eines frustrierten Frauenfeinds klingt. Und das ist, was mich wütend gemacht hat – dass Leute wie er das Trauma anderer Menschen für politische Zwecke instrumentalisieren. Die Wut in eine Box gesteckt und als Ware etikettiert zu werden, hat mich schließlich dazu gebracht das Gedicht zu schreiben.

Ich bin mit vielen positiven weiblichen Vorbildern aufgewachsen. Männliche Figuren haben mich in meinem Leben immer mit Respekt behandelt. Ich bin für sie in erster Linie ein Mensch, mein Geschlecht ist zweitrangig. Aber ich begreife langsam, dass ich eine der Glücklichen bin. Feminismus scheint heute ein dreckiges Wort zu sein. Doch wir brauchen mehr Austausch darüber. Es ist ein Fehlglaube, dass nur die ältere Generation regressive Ansichtsweisen vertritt. JedeR, der/die heute ein Facebook-Profil hat, wird wissen, dass es falsch ist. Normale 22-Jährige, die mit mir studiert haben, mit denen ich gegessen und mich unterhalten habe, posten extrem sexistische Kommentare und Witze. Eine Freundin, mit der ich mich heute unterhalten habe, hat ernsthaft behauptet, dass sie Abu Azmis Meinung zustimmt. Frauen, die knappe Kleidung tragen, gingen ein höheres Risiko ein belästigt zu werden, denn „das ist die Realität heutzutage“. Sexuelle Übergriffe zu normalisieren und von Frauen zu verlangen ihren eigenen Körper als Grund für die Übergriffe zu sehen, ist ein Marathon in die rückschrittliche Richtung! Meine Freundin meinte außerdem „Es macht die Männer an, wenn du einen kurzen Rock trägst“. Fakt ist: manche Männer fühlen sich selbst dann angemacht, wenn du in mehrere Lagen Klamotten eingebündelt bist – frag irgendeine Frau in Delhi oder frag die Burqua-gekleidete Frau, der die Zunge abgebissen wurde, als sie sich gegen einen Belästiger in Bangalores KG Halli gewehrt hat.

Lass uns auch darauf eingehen: #NotAllMen. Ja, nicht alle Männer sind Widerlinge. Aber den Raum zu nutzen, um dir selbst auf die Brust zu klopfen, weil du kein Belästiger bist, ist ziemlich selbstsüchtig. Solidarität mit den OpferInnen und eine klare Position dazu, dass Frauen gleichberechtigt sind und sichere öffentliche Orte verdienen, wäre stattdessen weitaus hilfreicher. Wie lange noch werden Frauen dazu unterworfen ihr Leben gemäß der Marotten und Launen von Menschen zu leben, die wohl im falschen Jahrhundert geboren sind? Was habe ich von meiner Bildung, meinem Job, meiner Unabhängigkeit, wenn ich mich am Ende des Tages darin einschränken lassen muss, was ich anziehe und wohin ich gehe, nur weil irgendwer denkt, dass meine bloße Existenz ihn irgendwie zu meinem Körper berechtigt?

Auf dem indischen Newsblog The Quint, stellt der Artikel einer unabhängigen Autorin einige „themenbezogene“ Fragen – genau wie Azmi sie stellt. Eine Frage ist zum Beispiel: „Warum waren sie auf der Straße?“. Ähm, die meisten OpferInnen waren „auf der Straße“ weil sie nach den Neujahrsfeiereien auf dem Weg nach Hause waren. Als ich das letzte Mal geschaut habe, waren die Straßen noch breit genug für beide Geschlechter. Ein anderer Paragraph trägt die hilfreiche Überschrift „Sicher sein ist eine Option“. Gut, kein Belästiger zu sein ist aber auch eine Option! Ist das nicht, worum es bei #NotAllMen geht?

Also, das hier ist nicht nur an Männer adressiert, sondern auch an Frauen, die ein solches Verhalten wie bei der Silvesternacht in Bangalore entschuldigen. In der heutigen Zeit brauchen wir Solidarität und Unterstützung von jeder/m. Wieviel mehr Frauen müssen ein Trauma erleben, bevor wir realisieren, dass nicht sie das Problem sind, sondern wir?

https://www.facebook.com/satshya.tharien/videos/vb.1235197926/10211833660097006/?type=2&

Text: Satshya Tharien           

Übersetzung: Paula Heidemeyer