Pryas comic cover

COMIC Superhelden sind meist groß, stark, muskulös – und vor allem männlich. Priya ist da eine Ausnahme. Und das ist gut so!

TEXT Paula Heidemeyer

Autor Ram Devineni und sein Team haben sie ganz bewusst zur Hauptfigur ihres Comics gemacht: Ein junges indisches Mädchen aus einer eher armen Familie, die ihre Zukunftsträume aufgeben muss als ihr Vater sie nicht mehr zur Schule schickt, die von einer Gruppe Männer vergewaltigt wird und von ihrer Familie verstoßen. Wer könnte besser die Stimme gegen patriarchalische Strukturen erheben, als eine, die selbst darunter gelitten hat? Wer könnte anderen Frauen besser Mut zu sprechen, nicht
zu verschweigen was ihnen angetan wurde, als eine, die selbst Opfer sexueller Gewalt geworden ist?
Nachdem im Dezember 2012 eine junge Frau in einem Bus in Delhi brutal vergewaltigt und ermordet wurde, gingen vor allem in Indien junge Frauen und Männer auf die Straße. Ram Devineni war einer von ihnen. Während der Proteste hätte er einen Polizisten auf den Vorfall angesprochen. „Kein gutes Mädchen läuft nachts alleine nach Hause“, sei die Antwort gewesen. „In dem Moment habe ich verstanden, dass das Problem geschlechtsspezifischer Gewalt in Indien und überall auf der Welt kein
rechtliches Problem ist, sondern ein kulturelles“, erklärt der Autor den damaligen Startschuss für seine Arbeit.
Devineni reist durch Indien. Er spricht mit NGOs, Philosophen und schließlich Vergewaltigungsopfern – alle bestätigen ihm seine Erkenntnis, die gesellschaftlichen Strukturen und Schuldzuweisungen seien das Schlimmste. Aus den Gesprächen entsteht ein Comic-Charakter, dann eine Geschichte. Zwei Jahre später, im Dezember 2014, wird das fertige Werk zum Highlight des Comic und Film Kongresses in Mumbai. „Priya’s Shakti“ wurde mittlerweile mehr als 500.000 Mal heruntergeladen – denn es steht InternetnutzerInnen kostenlos zum Download zur Verfügung. Es wurde auf Hinid, Spanisch, Portugiesisch und Italienisch übersetzt, in Ausstellungen gezeigt und mit Wandgemälden dafür geworben. Außerdem hat das Team Workshops organisiert und Kinder und Jugendliche dazu angeleitet, selbst sozialkritische Comics zu zeichnen.
In Devinenis Geschichte ist die verzweifelte Priya in den Wald geflüchtet und sucht von hier aus Hilfe bei der Göttin Parvathi, Shivas Frau. Diese spricht ihr Mut zu, sich ihrer Angst zu stellen und ihre Angst in Kraft (Shakti) zu verwandeln. Mit Parvathis Unterstützung stellt sich das junge Mädchen zunächst einem Tiger, der sie im Wald bedroht hat. Dann kehrt sie auf dem Tiger reitend in ihr Heimatdorf zurück. Sie kann nicht nur die Einstellung ihrer Familie ändern, sondern löst eine Gesellschaftsbewegung aus, für die Gleichberechtigung und Würde der Frau. Warum sie dabei auf einem Tiger sitzen muss? Das Bild soll an Darstellungen der Göttin Durga erinnern, so der Autor, die
im Hinduismus für Weiblichkeit steht. Nur dass diesmal eben keine Göttin auf dem Tiger sitzt – sondern die Überlebende einer Vergewaltigung.
Devineni und sein Team holen Priya aus ihrer Opferrolle und machen sie zu einer Heldin. Sie holen sie aus ihrer Passivität und machen sie zur Akteurin. Sie beschränken das Mädchen nicht nur auf das, was ihr angetan wurde, sondern geben ihr ein Gesicht und eine Persönlichkeit – während die Täter namenlos bleiben. Die öffentliche Debatte müsse sich ändern, meint der Autor. Wir sollten uns nicht auf die Bestrafung der TäterInnen konzentrieren, das ist gesetzlich geregelt. Vielmehr sollte es um den Umgang mit den Opfern gehen, sie würdevoll zu behandeln und nicht selbst zu beschuldigen sei die eigentliche gesellschaftliche Herausforderung.
Mittlerweile hat das Comic ein zweites Kapitel bekommen: „Priyas Mirrow“. Diesmal sind die SuperheldInnen nicht nur weder muskulös noch männlich, sie entsprechen auch nicht mehr dem typischen Schönheitsideal – und trotzdem müssen sie sich nicht verstecken, lautet die Botschaft. Es geht um die Opfer von Verbrennungen und Säureangriffen.
Zum Download des Comics: http://www.priyashakti.com/

 

Comic
 

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