In Indien können muslimische Frauen laut Scharia geschieden werden, allein wenn der Mann das Wort „Talaq“, Scheidung, dreimal ausspricht.

Dieser Artikel wurde nach bestem Wissen aus dem Englischen übersetzt, jedoch ist ein gewisser Qualitätsverlust nie zu vermeiden. Für alle, die gut Englisch sprechen, hier der Link zur Originalversion.

IM FOKUS Indische Frauen bestreiten, wie Frauen überall auf der Welt, einen schweren Kampf um Ihre Rechte. Trotz dass Frauen die Hälfte der Menschheit stellen, werden ihnen die grundsätzlichsten Menschenrechte vorenthalten. In Indien existieren viele diskriminierende und frauenfeindliche Gesetze, welche institutionalisiert und mit der Zeit internalisiert wurden – das fängt schon bei der Ausbeutung durch soziale Normen und Institutionen an. In diesem Text widme ich mich dem Scheidungsrecht für muslimische Frauen in Indien.

Im Jahre 1978 ereignete sich ein wichtiger Gerichtsprozess, welcher den Absichten der indischen Regierung zum Opfer fiel, sich mit muslimischen Klerikern gut zu stellen um sich Wählerstimmen zu sichern. Dies war der Fall der Shah Bano, einer 60 Jahre alten muslimischen Frau die bis vor den Supreme Court zog, um eine Unterhaltszahlung von umgerechnet etwa 7 Euro für sich und ihre gemeinsamen Kinder von ihrem geschiedenen Ehemann zu erstreiten. Dies war ein Meilenstein für die öffentliche Diskussion des Themas – ab dem Punkt rückte dieses Thema auch auf die politische Agenda. Auf der einen Seite des Diskurses fand man die muslimischen Kleriker, die argumentierten, dass Bano unter der Scharia keinerlei Anspruch auf Unterhaltszahlungen hätte. Doch für den Rest des Landes, für alle mit dem Hauch eines Grundverständnisses von dem harten Leben einer geschiedenen Frau in einer voreingenommenen Gesellschaft, war es nur das lebensnotwendigste, das sie einklagte. So dramatisch der Fall auch war, Shah Bano starb ohne jemals Unterhalt von ihrem geschiedenen Ehemann zu erhalten. Die zu der Zeit amtierende Regierung unter Premierminister Rajiv Gandhi verlor die nächste Wahl sehr hoch.

Trotz dass der Islam die größte feministische Revolution in der Geschichte der Menschheit war, sind muslimische Frauen ironischerweise eine der am meisten zurückgebliebenen Communities in Indien

Im Islam ist die Ehe ein Vertrag, in dem die Partner Bedingungen, Regeln und Gesetze einhalten müssen. Die Heirat wird nicht als „Bund im Himmel“ dargestellt und ist auch nicht mit Gedanken der Reinkarnation verbunden. Obwohl großer Wert auf Dauerhaftigkeit der Ehe gelegt wird und ein Bruch des Ehevertrages vermieden werden sollte, ist Scheidung nicht verboten. Beide Parteien haben Rechte und Pflichten, und beide haben auch das Recht, die Scheidung einzureichen. Trotz dass der Islam die größte feministische Revolution in der Geschichte der Menschheit war, sind muslimische Frauen ironischerweise eine der am meisten zurückgebliebenen Communities in Indien.

Unter der jetzigen gesetzlichen Regelung kann ein Mann sich einfach durch dreimaliges Aussprechen des Wortes „Talaq“, Scheidung, von seiner Frau trennen

Das Thema der Scheidung in der muslimischen Community sorgte wieder einmal für Aufsehen, als das „Indian Muslim Women‘s Movement“ (BMMA) die Forderung an den jetzigen Premierminister Narendra Modi stellte, die mündliche Scheidung und Polygamie als gesetzeswidrig zu erklären. Die Regierung sagte tatsächlich, sie wolle die vielen Einzelregelungen des „Islamic Personal Law“ mit einem neuen, uniformen Bürgerlichen Gesetzbuch regeln, welches nach Artikel 44 der indischen Verfassung für alle religiösen Gruppen einheitlich ist. Dieser Vorschlag traf auf heftige Opposition von muslimischen Gruppen, die sich durch diese vorgeschlagenen Änderungen diskriminiert sahen. Unter der jetzigen gesetzlichen Regelung kann ein Mann sich einfach durch dreimaliges Aussprechen des Wortes „Talaq“, Scheidung, von seiner Frau trennen. Obwohl diese Methode bei Muslimen als sündhaft und neumodisch angesehen wird, ist sich nichtsdestotrotz gültig. Nach dem vorherrschenden Schema muss sich die Frau nach der dreimaligen Nennung des Wortes „Talaq“ komplett von dem Ehemann entfremden und die beiden dürfen nicht erneut heiraten. Interessanterweise haben 22 mehrheitlich muslimische Nachbarländer, inklusive Pakistan, Bangladesch, die Türkei, Tunesien und Marokko, dieses drakonische „Gesetz“ schon vor langer Zeit abgeschafft. In Europäischen Ländern – wie etwa Deutschland – müssen sich Muslime und Muslimas ausschließlich an die örtlichen Gesetze halten. Diese Gesetze der Heirat und Scheidung treten in Kraft durch das „All India Muslim Personal Law Board“, welches Muslimen in Indien dabei hilft, in allen Sphären des Lebens in ihren religionsspezifischen Gesetzen treu zu bleiben.

Es hat schon viele Frauen gegeben die einfach durch Briefe mit den drei darauf gekritzelten Wörtern oder sogar per Telefon geschieden wurden. Diese Frauen nennen die Mündliche Scheidung willkürlich, Frauenfeindlich und verfassungswidrig. Eine archaische und antidemokratische Praxis geformt und verzerrt von religiösen Patriarchen, die ihre hegemoniale Stellung in der Gesellschaft ausnutzen, um diese weiter auszubauen und die Rechte von Frauen einzuschränken.

Man sagt, dass der Islam als erste Institution der Geschichte Frauen die Scheidung ermöglicht hat. Die Praxis der mündlichen Scheidung betrügt die egalitäre Basis der Religion

Als wenn das alles nicht schon genug wäre, gibt es eine weitere Perversion von religiösen Gesetzen. Die „Halala“ beschreibt die Situation, wenn Mann und Frau erkennen, dass sie mit der Entscheidung zu hastig waren und wieder zusammen kommen möchten. Sie können dies aber nur, wenn die Frau dazwischen einen anderen Mann heiratet – das heißt praktisch gedacht, dass die Frau mindestens einmal Sex mit einem anderen Mann haben muss, um sich danach wieder obligatorisch von ihm zu scheiden. Erst dann können die hastig geschiedenen einender wieder heiraten. In einigen Teilen des Bundesstaates Uttar Pradesh gibt es mittlerweile „Halala Centres“, die von sogenannten religiösen Klerikern betrieben werden und welche „bezahlte Dienste“ leisten, indem sie sich als Ehemänner für eine Nacht anbieten.

Man sagt, dass der Islam als erste Institution der Geschichte Frauen die Scheidung ermöglicht hat. Die Praxis der mündlichen Scheidung betrügt die egalitäre Basis der Religion. Oft werden von der Ehefrau große Geldbeträge erpresst mit dem Druckmittel, der Ehemann sage sonst die drei Worte. Es gibt eine große Anzahl von Fällen häuslicher Gewalt, die von den Frauen aufgrund des Machtverhältnisses einfach ertragen werden müssen. Die meisten dieser Frauen sind weder finanziell unabhängig, noch genügend gebildet oder selbstständig und zudem zu verängstigt, um sich nach einer Scheidung über Wasser zu halten.

Muslime als grimmige Wächter von Sexismus – nicht wegen, sondern trotz dem Islam

Also, auf wie viele Shah Banos mehr braucht Indien? Wie lange noch werden Frauen bloße Puppen im Zusammenspiel von Politik und Religion sein? Jegliche Reform dieser Gesetze durch demokratische und säkulare Ansätze wird aus zwei Gründen  massiv durch muslimische Kleriker widersprochen:

Erstens spielt die absolute Angst, Macht an Frauen zu verlieren, die sich ihrer Rechte bedienen, eine große Rolle. Zweitens aber auch als protektionistische Maßnahme gegen die hindunationalistische Bewegung hinter der Regierung um Modi, die ihren Hass gegen Muslime nicht gerade versteckt. Was wir also beobachten können sind dramatische Kampagnen von religiösen Konservativen in sozialen Medien, die jeden Vorstoß gegen die Praxis der mündlichen Scheidung direkt als Angriff auf ihre religiöse Existenz in einem polarisierten Land sehen. Gesetze, die Menschen herabwürdigen werden im Gewand von religiösen Ideen präsentiert und angenommen. Der Kernpunkt des Diskurses ist interessanterweise, die Heiligkeit des Korans zu bewahren. Sind diese Texte nur für Männer? Im Kapitel „Baqarah“, Verse 229-231 findet sich eine Passage zu Scheidungen.

Solche Trennung darf zweimal (ausgesprochen) werden; dann aber gilt, sie (die Frauen) entweder auf geziemende Art zu behalten oder in Güte zu entlassen. Und es ist euch nicht erlaubt, irgendetwas von dem, was ihr ihnen gegeben habt, zurückzunehmen.

„Solche Trennung darf zweimal (ausgesprochen) werden; dann aber gilt, sie (die Frauen) entweder auf geziemende Art zu behalten oder in Güte zu entlassen. Und es ist euch nicht erlaubt, irgendetwas von dem, was ihr ihnen gegeben habt, zurückzunehmen, es sei denn beide fürchten, sie könnten die Schranken Allahs nicht einhalten. Fürchtet ihr aber, daß sie die Schranken Allahs nicht einhalten können, so soll für sie beide keine Sünde liegen in dem, was sie als Lösegeld gibt.“

Dieser Vers wurde geschrieben, als Männer ihre Frauen damit drangsalierten, sich oft von ihnen scheiden zu lassen und diese Entscheidung willkürlich wieder zurückzunehmen. Also sagt der Koran, dass eine Scheidung in zwei verschiedenen Treffen ausgesprochen werden muss. Dann wird hinzugefügt, dass der Ehemann entweder seinen Frieden mit der Frau machen oder sich im Guten von ihr trennen soll.

Wie lange noch werden Frauen bloße Puppen im Zusammenspiel von Politik und Religion sein?

Im Gegensatz dazu wird die Scheidung eines Mannes im heutigen Indien ohne Angabe von Gründen, wortwörtlich aus einer Laune heraus, sogar unter Einfluss von Alkohol oder anderen Drogen, ohne Einflussnahme von außen, sogar ohne das Beisein seiner Frau anerkannt. Vor 1400 Jahren war der Islam sehr fortschrittlich in Bezug auf Frauenrechte – und heute werden Frauen schon erniedrigt, allein weil sie Muslime sind. Irgendwo muss sich ein Fehler eingeschlichen haben. Dieser Fehler liegt darin, sich nicht von intolerantem Frauenhass und kompromissloser Orthodoxie zu lösen. Die Muslime haben vergessen, wie der Prophet in seiner letzten Predigt betonte, die Rechte der Frau zu respektieren und zu achten. Muslime als grimmige Wächter von Sexismus – nicht wegen, sondern trotz dem Islam. Die unnachgiebige Sturköpfigkeit mit der um dieses absurde Gesetz gekämpft wird enthüllt eine absolute Abwesenheit von Gerechtigkeitssinn, speziell bei den Mitgliedern der Muslimischen Verbände in Indien, welche nicht zufällig fast alle Männer sind. Unter der aufkeimenden Demokratie hätten sie die Möglichkeit und Unterstützung gehabt, egalitäre Gesetze einzuführen – stattdessen wurde ein großer Aufwand betrieben, die Gesetze regressiv zu belassen. Dieses Zusammenspiel von kommunaler Politik, starrer intoleranter Mentalitäten und der Heuchelei, Frauen im Namen der Religion herabzuwürdigen, befeuert weiterhin die Flammen der Ungerechtigkeit für Muslimische Frauen.

Abgesehen von weiteren großen Problemen bei Gesundheit, Hygiene, Bildung und Mobilität: Muslimische Frauen kämpfen weiter gegen die Praxis der mündlichen Scheidung, denn was schiere Menschenrechtsverletzungen und mörderische Hindu-Muslimische Konflikte sind, wird von der religiös-priesterlichen Klasse als Angriff auf ihre heiligen Schriften dargestellt.

TEXT Saman Khan
ÜBERSETZUNG Benjamin Lang

Saman Khan ist in Kalkutta geboren und studierte Spanisch, Literatur und Kultur an der JNU Neu-Delhi und UCC Cork, Irland. In ihrer Freizeit interessiert sie sich sehr für Lyrik.