ZWISCHENWELTEN Sumana Srivatsa kommt aus Bangalore im indischen Bundesstaat Karnataka. Für ihr Masterstudium zog sie 2013 nach Zürich, wo sie nun auch promoviert.

Das Oxford English Dictionary definiert Feminismus als „das Eintreten für Frauenrechte auf der Grundlage der Gleichheit der Geschlechter”. Bevor ich tiefer in diese Definition einsteige ist es notwendig, Gleichheit zu definieren. Gleichheit spielt erst dann eine Rolle, wenn es eine Unterscheidung gibt. Wo verläuft diese Linie der Unterscheidung zwischen den beiden Geschlechtern? Das ist eine Frage, mit der ich mich schon lange beschäftige und ich frage mich oft, ob ich es wagen soll, mich eine Feministin zu nennen.

Gesetze für Gleichheit untermauern zunächst Ungleichheit

In Indien wird ein weibliches Kind als zimedar bezeichnet, was auf Hindi „Verantwortung“ bedeutet. Warum sind nur Mädchen eine Verantwortung, Jungen etwa nicht? Warum die Unterscheidung?

Mädchen wurden vor allem in der Vergangenheit als sanft und verletzlich angesehen. Sie wuchsen oft im geschützten Rahmen der Familie auf, bevor sie nach der Hochzeit in die Familie ihres Mannes zogen und letztendlich einen Haushalt gründeten. Es war eine wichtige Verantwortung der Eltern sicherzustellen, dass die Tochter in ihrem neuen Zuhause gut versorgt sein würde. Die Mitgift war in diesem Zusammenhang ein Geschenk an die Tochter, um ihr ein komfortables Leben im Haus ihres Ehemannes zu ermöglichen. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Geschenk eine Forderung von Seiten der Familie des Mannes und die Höhe der Forderung wurde durch unsere Gesellschaft bestimmt. Selbst heute noch fangen Eltern an, Geld für die Hochzeit ihrer Tochter zu sparen, sobald diese geboren wird. Obwohl die Mitgift gesetzlich verboten ist, spielt sie in unserer Gesellschaft – auch in den besser gebildeten Schichten – immer noch eine große Rolle. Daher werden immer neue Gesetze geschaffen, um Frauen vor Missbrauch im Zusammenhang mit der Mitgift zu schützen. Manchmal werden diese Gesetze jedoch von Frauen ausgenutzt, um ihren Ehemann fälschlich anzuklagen. Bei den GesetzgeberInnen bestanden gute Absichten, sich an Gleichheit anzunähern, die Gesetze untermauern aber zunächst Ungleichheiten.

Ich kann der Bevorzugung von Frauen nicht ganz zustimmen

Ein anderes Beispiel ist das Einstellen einer Frau anstelle eines Mannes in einer multinationalen Firma oder bei der Vergabe eines Forschungsstipendiums. Während die Absichten Frauen zu bevorzugen großartig sind, kann ich dieser Parteilichkeit nicht ganz zustimmen. Ich habe Beschwerden von meinen männlichen Kollegen darüber gehört und manchmal kann ich nicht anders als mit ihnen zu fühlen. Während das erste Beispiel auf Indien beschränkt war, ist dieses eine Erfahrung, die vom städtischen Indien und “Dem Westen” geteilt wird.

Weltweit gibt es einen Kampf für Gleichheit auf verschiedenen Ebenen und daher ist die Bewertung von Ähnlichkeit oder Unterschieden nicht so einfach. Während das vorhergehende Beispiel Indien rückständig aussehen lässt, war Indien der Schweiz in Bezug auf das Frauenwahlrecht oder den USA bei der Wahl eines weiblichen Staatschefs weit voraus.

Meiner Meinung nach ist Feminismus ein sehr starkes und kraftvolles Wort, das schnell anfällig für Fehlinterpretationen und Missbrauch wird. Wir als Menschen mögen es, Objekte zu klassifizieren und zu unterscheiden, da uns dies ein Gefühl von Stabilität und Klarheit gibt. Diese Klassifikation führt zu einer komplizierten Machtdynamik in der Gesellschaft, die ich nicht ganz verstehe. Während ich glaube, dass Gleichheit ein Grundrecht ist, ist es wichtig, die Feinheiten der Machtdynamik in der Gesellschaft und die Implikationen von Maßnahmen zu verstehen, die zur Beseitigung der Ungleichheit getroffen werden.

TEXT Sumana Srivatsa
Übersetzung aus dem Englischen: Simon Möller