Die gibt es nämlich nicht. Es gibt nicht “die Muslima” und das ist auch gut so. Jede Person ist sehr individuell und genau so ist es bei muslimischen Frauen.

KOMMENTAR: Nesreen Hajjaj  

Ich bin Nesreen, 24 Jahre jung, palästinensischer Herkunft. Ich bin mehr berufstätig, als dass ich an der FU Geschichts- und Kulturwissenschaften studiere. Ich arbeite in verschiedenen Kontexten und das auch sehr gerne. Das Anne Frank Zentrum spielt eine große Rolle in meinem Leben, dort bin ich freie Mitarbeiterin. Ansonsten arbeite ich als Projektmanagerin für ein jugendpolitisches Open-Air Festival, das Berliner jugendFORUM. Ich engagiere mich gerne im Max-Planck-Institut, im Bereich der sozialen Arbeit mit und für geflüchtete Menschen und versuche meinen Beitrag als Palästinenserin gegen Antisemitismus zu leisten, wo ich viel Leidenschaft, Zeit und Kraft reinstecke.

Ich empfinde es als Ehre, das ich Teil einer so wundervollen Gemeinschaft sein darf.

Ich lege sehr großen Wert auf meine Religion und die Praxis meiner Religion. Das sieht man auch schon an meinem Kleidungsstil. Ich trage Kopftuch und ein bodenlanges Kleid, auch genannt Abaya. Ich empfinde dies als eine Ehre, dass ich Teil einer so wundervollen Gemeinschaft sein darf und bin dafür sehr dankbar. Eben diese Dankbarkeit möchte ich in Form von Gebeten, religiösen Vorträgen und Sitzungen, die ich mitgestalte, zurückgeben.

Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich verstecken muss. Ganz im Gegenteil. Ich bin eher eine Frau, die, wenn sie in einen Raum kommt, dann so richtig präsent ist. Ich bin auch gerne und viel im Mittelpunkt von großen Runden. Ich zeige mich sehr gerne als eine gestandene muslimische Persönlichkeit, die es in der Gesellschaft zu etwas gebracht hat und weiter bringen will und wenn ich mal nicht mehr da bin, kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich eine Spur hinterlassen habe.

Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich verstecken muss.

Ganz praktisch gesehen ist es sogar sehr angenehm in meiner Kleidung; vor allem im Sommer, wenn alle schwitzen und sich über jeden Fleck Sonnenbrand beschweren, kann ich nicht meckern. So etwas wie Sonnenbrand hatte ich, soweit ich mich erinnern kann, noch nie. Ich trage im Sommer ganz bewusst sehr dünne Kleider, die luftig und entspannt sind, aber nicht transparent. Deshalb bin ich, denke ich, klar im Vorteil. Außerdem trage ich immer lange Kleidung, wo man nur die Hände und das Gesicht sehen kann, so bin ich nie den Sonnenstrahlen ausgesetzt und darüber bin ich auch gar nicht unglücklich – elegant, fein und immer den Kopf und den Körper vor der prallen Sonne geschützt. Ich bin aber grundsätzlich eher ein Wintertyp. Bin auch im Winter geboren und liebe Schnee total und mag es mich in Decken einzukuscheln und lange Spaziergänge an klirrend kalten Wintertagen zu machen.

Der Schöpfer dessen, was wir um uns herum sehen, kann meiner Meinung nach gar nicht ungerecht sein.

Die Hintergründe dessen, warum Frauen ein Kopftuch tragen und Männer nicht, habe ich verstanden und finde sie auch genau so sehr gut. Viele denken, dass nur die Frau in der Pflicht steht, ihre Reize zu bedecken, aber nein! In erster Linie ist der Mann dazu islamisch gesehen verpflichtet seine Blicke zu senken und selber weite Kleidung zu tragen, um seinen Körper nicht in Szene zu setzen – denn das soll er nur vor seiner Frau tun. Ich habe auch nie gedacht, dass es in irgendeiner Form ungerecht ist. Der Schöpfer dessen, was wir um uns herum sehen, kann meiner Meinung nach gar nicht ungerecht sein. Ich fand es immer genau so, wie es ist gerecht. Mir kann, mal ganz davon abgesehen, auch ehrlich keiner erzählen, dass die Haare von einer Frau genauso oder weniger reizend sind, als die von einem Mann. Warum legen dann die meisten Frauen draußen so viel Wert auf die Pflege ihrer Haare und ein Mann hat oft kein Problem damit, sich einfach mal eine Glatze zu rasieren?

So wie es ist in meiner Religion, finde ich es schön, gerecht und angenehm zum Leben. Wer es nicht so sieht, der kann gerne bei seiner Meinung bleiben. Ich finde es nicht schön und es stört mich auch persönlich schon, dass es in Deutschland viele Frauen gibt, die sehr am Stoff an ihren Körpern sparen, aber ich lebe in Deutschland. Genau so wie ich mich anziehen darf, wofür ich mehr als dankbar bin, darf man sich hier eben auch ziemlich doll ausziehen und das ist eben so. Ich muss ja nicht hingucken, auch wenn ich mir (bin ja auch nur eine normale Frau, wie jede andere auch, unter meinem Kopftuch und meinem Kleid) gerne mal schöne Frauenkörper anschaue, aber natürlich nicht übertreibe. Wenn ich solche Frauen sehe, dann tun mir eher die Männer leid, die sich leider oft nicht zügeln können. Es werden ja leider klassischerweise mehr Frauen vergewaltigt als Männer, was nicht heißen soll, dass die Frau daran Schuld hat, dass ihr so etwas Schreckliches angetan wird.

Genau so wie ich mich anziehen darf, wofür ich mehr als dankbar bin, darf man sich hier eben auch ziemlich doll ausziehen.

Geschlechterrollen spielen in meinem Leben schon lange eine große Rolle. Ich bin ein ganz klassischer Mensch. Ich sehe mich als Frau mit den körperlichen und biologischen Merkmalen, wie der Brüste und der Scheide. Aber ich sehe schon auch, dass es viele Menschen gibt, die diese Einordnung nicht für sich anwenden möchten und das akzeptiere ich auch. Ich tausche mich gerne mit Menschen mit verschiedenen Geschlechterrollenverständnissen aus und möchte immer mehr über dieses Thema erfahren, weil ich es sehr faszinierend finde, wie jeder Mensch mit seiner eigenen Sexualität und sexuellen Identität umgeht.

…bin ja auch nur eine normale Frau, wie jede andere auch, unter meinem Kopftuch und meinem Kleid.

Ich denke grundsätzlich nicht, dass es so etwas wie weibliche oder männliche Aufgaben gibt. Worüber ich mir aber bewusst bin ist, und das kann keiner abstreiten, dass nur die Frau Kinder austragen kann, da sie eine Gebärmutter hat. In meinem persönlichen Fall stoße ich derzeit auch gerne mal an meine Grenzen. Ich bin relativ frisch verheiratet und habe schnell gemerkt, dass mein Mann ein ganz “normaler” Mann ist, wie jeder andere auch. Er möchte von seiner Frau verwöhnt werden. Er möchte, dass ich den Haushalt schmeiße und alles, was damit zusammenhängt. Ich finde das persönlich vollkommen in Ordnung, aber hoffe natürlich in meinem Inneren, dass er, wenn wir zusammen wohnen, von alleine mithelfen wird und mich nicht alles alleine machen lassen wird. Das alles ist für mich noch eine ungewohnte Vorstellung, deshalb schaue ich mal, wie es ist, wenn wir zusammen wohnen.

Ich wünsche mir für unsere Gesellschaft mehr Toleranz und Akzeptanz und vor allem Offenheit. Wenn man einen Menschen sieht und gerne etwas wissen will, dann soll man sich gefälligst trauen und fragen, weil sich dadurch sicherlich wundervolle Begegnungen ergeben, die beide Beteiligten nicht so schnell vergessen.

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