IMPRESSIONEN Unsere Autorin hat ihren Freiwilligendienst im Südindischen Kundapur verbracht. In ihrer Gastfamilie wohnte auch eine unverheiratete junge Frau, die sich für einen ungewöhnlichen Weg entschieden hat.

Ich habe meinen Freiwilligendienst in Kundapur gemacht, einer kleinen Stadt an der Küste Karnatakas im Süden Indiens. Neben meinen Gasteltern, meinen Gastschwestern und mir, bewohnte eine junge Frau, Pavithra, das Haus in der Church Road. Pavithra war damals 22 Jahre jung, zierlich, leise und bedacht in allem was sie tat. So leise, dass ich selbst bei geöffneter Tür nicht bemerkte wie sie aus dem Bad in ihr Zimmer huschte, aus dem sie sonst eigentlich nur zu den Mahlzeiten kam. Sie bewohnte das Nachbarzimmer, aber bis auf die paar Lächeln, die wir austauschten, war unser Nachbarschaftsverhältnis eher unaufgeregt, was mein Gastvater gerne mit den Worten “She speaks no English, you know…“ zu entschuldigen pflegte. Das Verhältnis zwischen meinen Gasteltern und ihr war für mich nicht leicht einzuschätzen, denn sie waren weder verwandt noch befreundet. Wie in Indien üblich, hatte sie das Zimmer in der fremden Familie gemietet, weil sie noch nicht verheiratet war aber aus beruflichen Gründen nicht mehr bei ihrer eigenen Familie leben konnte. Deshalb war sie in diese für sie fremde Familie gezogen, wo sie gegen eine kleine Miete Unterkunft und Verpflegung bekam bis sie heiratete.

Nun begab sie sich an einem Sonntag wie er sonntäglicher nicht sein könnte, ihrer Schwester einen Besuch abzustatten. Eigentlich nur übers Wochenende, am Montag aber war sie noch immer nicht da. So geschah es, dass während wir am Montagnachmittag nichtsahnend und Pavithra in guten Händen glaubend unseren Chai-Tee schlürften, die besagte Schwester an der Tür klopfte um sich nach dem Verbleib Pavithras zu erkundigen. Es folgte ein Austausch wirrer Floskeln und noch verwirrterer Blicke. Die Luft geschwängert von Sorge und die Gedanken weiß wie ein Blatt Papier, geblichen im Nicht-Wissen und lediglich mit einem fetten, schwarzen Fragezeichen verbleibend, sah ich eine kleine Welt in sich zusammenstürzen. Ich sah den Gesichtsausdruck der Schwester, zuvor eher ernst und steif, langsam zerfallen und zerbröseln. Es war offensichtlich, dass ihre letzte Hoffnung gewesen war, Pavithra in ihrem Wahlzuhause wohlauf vorzufinden und dass ebendiese Hoffnung nun zusammenbrach. Und es hätte mich nicht gewundert die gute Frau selbst zusammenbrechen zu sehen, angesichts des riesigen Stück Bodens, das man ihren Füßen soeben entrissen hatte. Die Versuche Pavithra auf ihrem Handy zu erreichen blieben erfolglos, ebenso die Versuche in der Nacht einen ruhigen Schlaf zu finden.

24 Stunden später, am Dienstagabend, klingelte das Handy. Durch das monotone Rattern der Ventilatoren gedämpft war es kaum zu hören, aber aus dem anderen Ende der Leitung drang eine weinerliche Stimme, Pavithras Schwester. “Sie… sie hat ihren Vater angerufen. Sie hat ihren Job gekündigt. Und wird am Sonntag einen Arbeitskollegen heiraten.“ Nein das kann nicht sein, nein, Pavithra, die schüchterne Pavithra? Meine Gasteltern waren fassungslos. Das steckte also hinter der ruhigen Fassade? Das führte sie die ganze Zeit im Schilde? In einem kargen Wortaustausch zwischen meinen indischen Eltern wurde das Thema schnell abgehandelt. Ihre größte Sorge war, meine Gastschwestern würden davon erfahren und selbst auf dumme Gedanken kommen. Love marriage? Nein, nein. Bloß nicht. Dann war Pavithra vergessen.

Ich jedoch dachte noch viel darüber nach. Ich dachte an den Moment, in dem ich sie das letzte Mal sah. Durch das Fenster entfernte sie sich raschen Schrittes, mit einer kleinen Tasche an der Schulter hatte sie dem Haus den Rücken zugekehrt. Und nicht nur dem Haus, auch uns, ihrer Vergangenheit, ihrer Familie. Wie hat sie sich gefühlt? Hat sie geweint, hat sie gelächelt? Ich dachte an ihr rasendes Herz, an die durchgemachten Nächte, an die Qual der Entscheidung zwischen Liebe und Familie, an die geschmiedeten und wieder verworfenen Pläne. Warum musste sie alles hinter sich lassen, um selbst entscheiden zu dürfen, mit wem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte? Warum war freigewählte Liebe und konfliktfreies Familienmiteinander, zumindest in dem Falle, unvereinbar?

Auch heute denke ich noch oft an sie und wie es ihr wohl gehen mag. Manchmal frage ich ob sie es bereut, ob es naiv war, eine irrational getroffene Entscheidung im einen Anflug von überwältigendem Verliebtsein. Meistens jedoch lächle ich und denke: Pavithra, ich glaube du hast alles richtig gemacht.

TEXT Isabella Escobedo