INTERVIEW Junge Frauen in Indien stehen vor großen gesellschaftlichen Erwartungen in Bezug auf Heirat und Familienplanung – die Gedanken einer jungen Inderin.

TEXT Theresa Kofler mit Yashashree Kiran Garge

 

Ich lebe zurzeit in Ahmedabad, einer der größten Städte Indiens. Ich wohne am Campus meiner Aufnahmeorganisation in einem Hostel, in dem noch drei weitere junge Mitarbeiterinnen wohnen. Sie haben alle einen Master gemacht, leben nun selbstständig und haben tolle Jobs. Gespräche über Männer laufen hier ganz anders ab als in Deutschland, denn schlagartig dreht es sich nur um eins: Hochzeit und Ehe. Eigentlich nicht nur, wenn sich das Gespräch Männern zudreht, sondern einfach immer, wenn über die Zukunft gesprochen wird. Das romantisch-bunte Bild, das ich noch in Deutschland von indischen Hochzeiten hatte, hat sich schnell verflüchtigt und Berichte über arrangierte Ehen, die sich früher nach Zeitreise angefühlt haben, sind jetzt auf einmal Wirklichkeit.

Eine der drei jungen Damen hat sich bereit erklärt, mit mir über ihre Gedanken zu indischen Hochzeiten zu sprechen[1].

 

Wir haben gerade Hochsaison für Hochzeiten. An manchen Tagen, auch unter der Woche, hören wir die Trommeln bis spät in die Nacht. Warum werden Hochzeiten hier eigentlich so groß gefeiert?

Nun, im Grunde feiern wir seit Anfang der Zeit einfach alles. Wir feiern, dass wir alle Teil eines sozialen Netzwerks sind und wissen, wie man sich darin bewegt. Die Wichtigkeit und Abläufe von Hochzeiten sind in unseren religiösen Texten festgehalten. Die Extravaganz ist jedoch etwas Modernes. Früher ging es um Mitgift, die wurde aber mittlerweile verboten. Die Haltung, dass für die Hochzeit einer Tochter gespart werden muss, ist aber immer noch da. Wenn du Geld hast, dann gibst du es dafür aus. Es ist die einzige Art zu zeigen, dass es dir gut geht, dass du es zu was gebracht hast. Dafür lädst du auch schon mal jeden ein, den du auf diesem Planeten kennst.

 

Kannst du mir noch ein bisschen mehr über die Regeln für Hochzeiten erzählen?

Okay, die erste Frage ist wie bzw. wo Menschen sich treffen. Meistens passiert das innerhalb ihrer Gemeinschaften. Das ist wichtig, denn inter-caste oder inter-community oder inter-state – alle „inter“ – gibt es nicht, es ist immer nur „intra“. Intra-Gemeinschaft ist also das wichtigste Kriterium. Wenn man jemanden kennenlernt, lässt man auch erstmal von einem Brahmanen (Angehörigen der ehemaligen Priesterkaste) die Horoskope vergleichen. Wenn du einen Jungen magst, ist das das Erste, was gemacht wird. Heute sind die Menschen sensibler und fragen auch nach College Abschlüssen, wie viel jemand im Jahr verdient etc. Sobald die Übereinstimmung der Horoskope abgeschlossen ist, ist also nur mehr der soziale Status wichtig – dann kann geheiratet werden. So einfach ist das. (wir müssen beide lachen)

 

Für mich als Mädchen, das in Europa aufgewachsen ist, ist eine Ehe ohne Liebe undenkbar. Wie klingt Ehe aus Liebe für dich?

Es ist schon ok – es müssen sich nicht alle verlieben. Liebe ist hier kein Thema. Früher waren Hochzeiten aus Liebe sogar das worst-case-scenario. Heute ist es möglich, aber auch dann müssen noch viele andere soziale und ökonomische Faktoren stimmen.

In erster Linie an sich selbst zu denken ist nichts, was Menschen in Indien machen. So werden wir erzogen. Viele Frauen sind sehr wohl gebildet und verfügen über (Berufs-) Erfahrungen, sind aber die meiste Zeit zu Hause. Deswegen fehlt es ihnen an Selbstvertrauen.

Ich will wirklich fest daran glauben, dass es diese bezaubernden Fälle von Menschen, die sich verlieben und zusammen bleiben, gibt. Und es gibt die auch – aber ihnen stellen sich so viele Hürden in den Weg. Zum Glück wird es trotzdem immer mehr.

 

Denkst du denn gerade daran, zu heiraten?

Natürlich ist das gerade Thema für mich. Aber ich will keine arrangierte Ehe. Es ist eigentlich keine schlechte Sache, es ist sogar ok, immerhin ist das die Art der Gesellschaft, in der wir leben.

Wann immer ich in letzter Zeit auf eine Hochzeitsfeier gegangen bin, war es wie das Durchblättern eines Katalogs für Männer. Wir haben sie abgecheckt, was sie arbeiten, wie sie aussehen, wie viel sie verdienen, aus welcher Familie sie kommen. Ich bin dafür wohl irgendwie nicht geschaffen, denn für mich fühlt es sich an wie Shopping. Und wenn ich nach dem ersten Blick ja sage, dann bleibt es dabei.

Zum Glück gestehen mir meine Eltern auch zu, selbst zu suchen. Aber leider hatte ich noch kein Glück. Die Entscheidung muss also noch warten.

 

Du bist jetzt 26. Fühlst du dich gestresst?

Ja, ich bin damit schon über dem normalen Heiratsalter von 22 oder 23. Das Argument lautet, dass es später schwieriger wird, Kinder zu bekommen.

 

Gibt es für dich akzeptable Alternativen?

Ich erzähl dir das Beispiel der drei besten Freundinnen meiner Mutter. Sie sind alle aus unterschiedlichen Gründen nicht verheiratet, aber es geht ihnen wunderbar. Sie sind allerdings permanent Vorurteilen ausgesetzt. Es tue Frau nicht gut, Single zu sein heißt es. Ich glaube, man kann alleine glücklich sein, ich schließe das nicht aus. Es ist doch meine Entscheidung, ob ich jemanden brauche.

 

Wie sieht es mit dem klassischen Trade-Off zwischen Familie und Karriere aus?

Ich erzähl dir das Beispiel meiner Mutter. Seit sie 21 Jahre alt war, wurden ihr Männer vorgestellt. Sie hatte nur zwei Kriterien: Das Erste war, dass sie nah bei ihrer Familie bleiben wollte und das Zweite, dass sie weiter studieren wollte. Letztlich war sie schon 28 als sie heiratete und mein Vater war der einzige, der diese Bedingungen akzeptiert hat. Meine Mutter hat später, als ich vier war, auch ein Fellowship in den USA absolviert – aber es gab sehr viel Kritik, dass sie den Haushalt vernachlässige. Sie hatte Glück, weil mein Vater sie immer unterstützt hat. Es war so ein mutiger Move. Im Grunde war das, was sie getan hat, für die Zeit damals undenkbar.

Du siehst also, dass es Fälle gibt, in denen auch arrangierte Ehen gut funktionieren. Aber wenn du junge Frauen nicht selbstbewusst erziehst und sie nicht lernen für sich selbst einzustehen, können sie sich in unglücklichen Ehen verlieren.

 

Lass uns mal die Perspektive wechseln. Scheidungen sind in Indien zwar erlaubt, kommen aber nur sehr selten vor und nach einer Scheidung fällt es besonders der Frau schwer, weiter zu machen. In Deutschland wurden in den letzten Jahren ca. 40% der Ehen geschieden. Ist das für dich ein Beweis dafür, dass ein System der selbst gewählten Ehen auch nicht gut funktioniert?

Die Sache ist, dass die Menschen hier in Indien zwar nicht aus Liebe heiraten, aber trotzdem zusammen bleiben. Meine Eltern sind heute glücklich verheiratet. In meiner Familie gibt es aber auch Paare, die sich eigentlich nicht ausstehen können. Ich sehe es so: es gibt zwei Extreme. Auf der einen Seite gibt es zu hohe Scheidungsraten und auf der anderen Seite bist zu faktisch gezwungen, zusammen zu bleiben. Hier geben die Menschen ihrem Partner zweite, dritte und zehnte Chancen und versuchen, an ihrer Beziehung zu arbeiten. Ich denke aber auch, dass es manchmal einfach nicht funktioniert. Trotzdem bleibt man zusammen. Für die Gesellschaft. Nochmal: Für dich selbst zu leben, ist kein Ding in Indien.

Ich möchte aber nicht mit jemandem zusammen sein, mit dem ich es nur bin, weil die Gesellschaft mich nicht ich selbst sein lässt. Ich denke, dass letztlich ein Mittelweg der beste Weg wäre.

Fußnote: [1] Dabei muss man aber auch noch wissen, dass es nie um „indische“ Hochzeiten geht – woran wir denken und wovon im folgenden Interview die Rede sein wird, sind hinduistische Hochzeiten