Mich regt es auf. Die Argumente, es gäbe keinen Lesefluss, wir würden ja in der Nennung der männlichen Mehrzahl das weibliche* Geschlecht mit einbeziehen. Und das reaktionärste aller Argumente: durch Gendern käme es zu einer Verarmung der deutschen Sprache. In den meisten Sprachen wird die Mehrzahl immer in Maskulin genannt, in Hindi: eine Gruppe Jungs heißt „bacchein“, eine Gruppe Mädchen „bacchiyan“. Und eine gemischte Gruppe? „bacchein“.

Aber Sprache gehört uns! Sie ist von Menschen für Menschen. Sie ist die Basis unseres Zusammenlebens! Wir können sie ändern und nutzen wie wir es wollen. Und wenn ich eine Person bin, die in ihrer Sprache Inklusion vermitteln will, gibt es keine andere Möglichkeit als zu gendern. Wie, ist meiner Meinung nach egal. Unterstrich, Sternchen, großes I, Präsens Partizip -alles gemixt, wieso nicht? Keine Angst vor Fehlern denn wenn es mal vergessen wird, halb so schlimm. Jeder und jede soll sich trauen den Mund aufzumachen und Inhalt geht immer vor.

Die Sapir-Whorff-Hypothese besagt grob, dass Sprache das Denken formt. Hätte mein Umfeld öfter über Mathematikerinnen und Informatikerinnen geredet, wäre ich vielleicht nicht unbedingt eine geworden, aber es wäre mir vielleicht auch nicht so fern gelegen ein solches Studium zu ergreifen. Das bestätigt eine Studie, die sich der sogenannten fMRT bedient, ein medizinisches Verfahren, das aktivierte Hirnareale verbildlicht. Die Aufnahmen zeigen, dass selbst bei Frauen, die sich eigentlich in der Nennung des generischen Maskulin miteinbezogen fühlten, keine (im fMRT abbildbaren), entsprechenden Hirnaktivitäten sichtbar waren.

In dieser Studie wurden auch Versuche mit der englischen Sprache durchgeführt. Bei dem Satz „Jack saw the mechanic, because she looked out of the window“, zeigte das Gehirn von Probandinnen genau das gleiche Maß an Verwirrung, wie bei dem Satz „Die Frau war beliebt, weil er attraktiv war“. So abwegig scheint es etwa in der englischen Sprache ein maskulines Wort für beide** Geschlechter zu benutzen.

Ich weiß, durch Sprache allein sind Probleme nicht zu lösen. Nur weil wir nicht mehr das N-Wort sagen, heißt das nicht, dass es keine Diskriminierung schwarzer Menschen mehr gibt. Aber dennoch, Sprache macht auf jeden Fall aufmerksam und eröffnet Möglichkeiten. In Hindi gibt es übrigens auch nur ein Wort für Studierende: Vidyarthi.

Wenn ich mir vor Augen halte, warum wir überhaupt männliche und weibliche Formen nutzen, muss ich an Judith Butler denken. Sie meint: „,Geschlecht‘ ist ein Mechanismus, durch den Vorstellungen von Maskulin und Feminin eingebürgert werden.“ Doch es gibt noch mehr als maskulin und feminin, es gibt queer und trans. Und das auch schon seitdem der Mensch existiert. Das denkt auch Judith Butler und fügt noch hinzu:” […] doch dieser (Mechanismus) könnte ebenso gut dazu dienen, solche Begriffe zu zerstören und zu beseitigen.“ Ich finde damit hat sie recht! Wir, die die Ressourcen haben, sollten das tun. Zerstören. Zerstören durch Gendern. Die binäre Definition von Geschlecht als männlich oder weiblich ist überholt, ja diskriminierend. Also bin ich neben Unterstrich, Sternchen und dem Partizip Präsens auch für den/der/die/das Professorx oder Professor*

Aber vor allem bin ich dafür, dass der Debatte nicht mehr so viel Raum gegeben wird. Ich finde wir sollten es einfach tun und die restliche Energie wichtigeren Dingen widmen, wie ungerechte Verteilung von Gütern auf dieser Welt, der Erhaltung unseres Lebensraumes, Einhaltung von Menschenrechten… um das Große und Ganze nicht aus den Augen zu verlieren.

KOMMENTAR  von Jule Gerleit

 

*und zwar nur das weibliche, was ja bedeutet dass diese Menschen von einem binären Geschlechtsbegriff ausgehen.

**„beide“ weist auch wieder auf eine binäre Vorstellung von Geschlechtern hin, da es in diesem Versuch nur um die Unterscheidung von männlich und weiblich ging.