zu Gast

Samuel Sellmaier hat 2015/16 einen Bundesfreiwilligendienst bei der Schutzstation Wattenmeer gemacht. Als Nationalparkbetreuer gehörte das sogenannten Spülsaummonitoring (Zählen des vom Meer angeschwemmten Mülls) ebenso zu seinen Aufgaben, wie die Aufklärungsarbeit für Schul- und Touristengruppen während Wattwanderungen. Mittlerweile studiert der 20-Jährige Molekular Biotechnologie an der TU München, mit dem Ziel in der Umwelt- und Algentechnik zu arbeiten und zum Beispiel biologisch abbaubares Plastik aus Algen herzustellen.

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Der Müll in den Meeren ist eines der größten globalen Umweltprobleme. Die Bilder mancher Strände lassen es erahnen… Angelschnüre, Fischernetzte, Plastikteile… was das Meer ausspuckt macht den Sand nicht gerade schöner. Dabei wird nur ein sehr geringer Teil des Meeresmülls tatsächlich an die Ufer gespült. Der größte Teil bleibt für uns unsichtbar.

Bis zu 46.000 Plastikteile schwimmen auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche. Viele davon werden in kreiselnden Meerestrudeln festgehalten, die dann auch „Müllstrudel“ genannt werden. In unseren Meeren gibt es fünf solcher Strudel, wobei sich der bekannteste zwischen Nordamerika und Asien befindet. Der sogenannte Nordpazifik-Strudel ist so groß wie Zentraleuropa!

Doch selbst die 46.000 Teile sind nur 15% des Mülls im Meer! Denn 80% sinkt auf den Meeresboden!

Woher kommt der ganze Müll?

Eine Müllwagenladung. Jede Minute. Soviel Abfall entsorgt die Menschheit Schätzungen zu Folge im Meer. Das sind zehn neue Müllwagenladungen am Ende es Artikels. 1440 LKWs voller Müll in einem Tag. Natürlich fahren nicht täglich über tausend Lastwagen an die Künste und entleeren ihre Ladeflächen; unsere Müllentsorgung ist subtiler, unauffälliger.

„1440 LKWs voller Müll an einem Tag“

80% des Abfalls wird durch Zuflüsse aus dem Landesinneren in die Meere getragen. Vieles davon ist Plastik. Und dieses kommt nicht nur „groß“, also in Form von Flaschen, Plastikspielzeug und Verpackungsmaterialien, es kommt auch in großen Mengen als sogenanntes „Mikroplastik“ – Teilchen kleiner als 5mm.

Mikroplastik ist in enorm vielen Kosmetika enthalten, es ist in unseren Shampoos und Duschgels, in unserem Face-Peeling und in unserer Zahnpasta. Dabei haben die Plastikteile viele verschiedene Funktionen, sie werden als Schleifmittel, Filmbildner oder Füllstoff, aber auch in flüssiger Form als Bindemittel benutzt. Das Problem ist, dass die Siebe der Kläranlagen nicht fein genug sind, um alles Mikroplastik aus dem Abwasser zu filtern. So kommt viel Müll, schon für den Menschen unsichtbar, aus dem Abwasser über Fließgewässer in das Meer.

Wo sich das Plastik versteckt

Wer das verhindern möchte, sollte beim Einkauf seiner Kosmetika darauf achten Produkte ohne Plastik zu kaufen. Wie das geht? Das meist verwendete Mikroplastik ist „Polyquaternium-7“ und sobald die Vorsilbe „Poly“ auf der Inhaltsliste auftaucht, können wir uns sicher sein: da ist Plastik drinnen! Außerdem hat der BUND eine Liste erstellt, die aufzeigt welche Kosmetika (welches) Plastik enthalten (*).

Der BUND fordert seit 2014 zusammen mit Greenpeace und den Grünen ein Verbot von Mikroplastik in Kosmetika. Anders als in Kanada, den Niederlanden und sogar der USA, wo ein solches Verbot schon existiert, hat sich die deutsche Bundesregierung allerdings auf einen freiwilligen Ausstieg geeinigt. Mehrere Kosmetikfirmen haben tatsächlich angekündigt in Zukunft auf Plastik zu verzichten. Wann diese Zukunft eintritt, ist allerdings fraglich.

Nicht nur durch Kosmetika gelangt viel Mikroplastik in das Abwasser. Auch bei jedem Waschgang werden bis zu 1900 winzige Kunstfasern freigegeben, zum Beispiel Polyester- oder Acrylfasern aus Fleece-Pullovern (*). Und es sind nicht nur die Textilien, sondern auch die Waschmaschinen und Waschmittel die ihre Mitschuld tragen. So sollten Textilhersteller versuchen Kunstfasern zu benutzen, die weniger Fasern abgeben. Waschmaschinenhersteller könnten feine Filter in die Maschinen einbauen und Waschpulver sollten Zusätze enthalten, die das Weichwerden der Fasern verhindern oder reduzieren. Die Entwicklung in diese Richtung ist allerdings sehr träge. Bis jetzt haben sich nur wenige Hersteller bemüht überhaupt etwas zu ändern.

„Alles Plastik endet als Mikroplastik – und bleib Mikroplastik!“

Doch Mikroplastik entsteht noch auf anderem Wege. Plastik ist nicht biologisch abbaubar. Schmeißen wir einen Apfel in den Wald verrottet er, wird zu Erde, düngt die Bäume, füttert die Ameisen, geht zurück in den biologischen Kreislauf und ist irgendwann nicht mehr da. Schmeißen wir eine Plastikflasche in den Wald braucht es ca. 450 Jahre bis sie „verschwindet“. Mehrere hundert Jahre UV-Strahlung, Wellenbewegung, Reibung und Salzwasser lassen die Flasche schließlich zu Mikroplastik zerfallen. Doch es bleibt MikroPLASTIK. Und auch wenn sie für das menschliche Auge nicht mehr sichtbar ist, ist die Flasche doch noch „da“ und ist nicht wie der Apfel in einem natürlichen Kreislauf zu Nährstoff für etwas anders geworden. Das heißt auch alles Plastik, das in großer Form über die Reling der Schiffe, durch Flüsse oder Abwasser oder von der Künste aus ins Meer gelangt, es endet als Mikroplastik – und bleibt Mikroplastik!

Was das bunte Gift verursacht

Ob groß oder klein, sichtbar oder nicht, unser Plastik hat enorm große Auswirkungen auf unser Ökosystem und die darin lebenden Tiere. Im Meer hinterlässt gerade die Fischerei eine Menge Müll. Abgerissene Fischernetzteile werden unter Wasser oft zu sogenannten „Geisternetzen“, in denen sich die Fische aus Versehen verfangen und sterben. Der Verrottungsgeruch zieht wieder andere Fische an, es entsteht ein Teufelskreis. Und es sind nicht nur Fische, sondern auch Schweinswale, Seehunde und Kegelrobben, die in den Netzen hängen bleiben.

Auf Helgoland wird beobachtet, dass so gut wie alle Basstölpel (eine Meeresvogelart) Netzteile und Schnüre zum Nestbau verwenden. Plastik ist schließlich sehr stabil. Dabei bleiben die Vögel nicht selten in den Netzten hängen und strangulieren sich selbst.

Außerdem halten die Tiere Plastikteile oft für etwas Essbares, bunte Tüten sehen für sie aus wie Quallen. Der Eissturmvogel frisst von Natur aus alles, was auf der Meeresoberfläche schwimmt. Dass er bei seinen Fangflügen Plastik verschlingt, bemerkt er frühestens am Geschmack.
Bei dem sogenannten „Eissturmvogelprojekt“ wurde das Plastik im Magen der Vögel genauer begutachtet. 97% aller untersuchten (also an der Küste tot gefundenen) Vögel hatten Plastik im Magen – ungefähr 0,33 Gramm. Auf einen 70 kg schweren Menschen hochgerechnet entspricht das 28,9 Gramm – eine ganze Brotzeitdose. Die Todesursache der meisten Vögel war „verhungert“ – und zwar mit vollem Magen, nur leider voll mit Plastik. So war kein Platz mehr für verdaubare Nahrung, der ganze Magen war durch das Plastik „verstopft“.

Während sich das Plastik im Meer zersetzt, werden zudem Weichmacher und das gesundheits- und erbgutschädliche Bisphenol A freigesetzt. Beide ähneln Östrogenen und haben so zum Beispiel bei Karpfen zu Hormonstörungen geführt. Die Sexualfunktion der männlichen Tiere wurde komplett zerstört.

„Mit Plastik versetztes Plankton ist die Grundlage der Nahrungskette im Meer.“

Auch Mikroplastik stellt eine enorme Gefahr für Tiere dar. Muscheln ernähren sich, in dem sie Plankton aus dem Wasser filtern. Häufig ist das Plankton jedoch mittlerweile mit Mikroplastik versetzt oder die Muscheln filtern neben dem Plankton auch Plastik in ihren Organismus.
Plankton ist die Grundlage der Nahrungskette im Ozean. Enthält es Plastik hat dieses Auswirkungen auf fast alle Meereslebewesen. Auch in Speisefischen wurden bereits Plastikpartikel nachgewiesen. Das Plastikproblem bleibt also nicht im Meer, sondern kommt wieder zurück zu seinem Ursprung – dem Menschen. Die Wahrscheinlichkeit mit Fisch und Muscheln auch Plastik auf dem Teller serviert zu bekommen, ist heutzutage enorm hoch. Doch nicht nur das Plastik wird mitgegessen. Mikroplastik zieht aufgrund seiner „hydrophoben“ Oberflächenstruktur alle möglichen Giftstoffe, wie Schwermetalle aus dem Wasser und bindet sie an sich. Und diese landen dann natürlich genauso auf der menschlichen Speisekarte.

Und in Zukunft?

Das Plastikproblem ist ein von Menschen verursachtes Problem. Und es kann auch nur von Menschen „gelöst“ werden. Nur wir können uns dazu entscheiden unseren Plastikmüll vernünftig zu entsorgen, so dass er nicht an Flussufern und Stränden oder direkt im Meer landet. Nur wir können uns dazu entscheiden möglichst viel unsers Mülls zu recyceln. Und nur wir können uns dazu entscheiden, das aller beste und effektivste zu tun und unseren Plastikkonsum zu reduzieren!

Plastik spielt in unserem heutigen Leben und Gesellschaft eine so zentrale und wichtige Rolle, dass man sich das Leben ohne Plastik kaum vorstellen kann. Plastik hat unseren Wohlstand enorm gesteigert, ist praktisch, leicht, verformbar, hygienisch – einer der wichtigsten Grundlagen unserer heutigen Konsumgesellschaft. Und gleichzeitig einer der größten Umweltsünden der Weltgeschichte. Das Luxusgut Plastik sollte nun, da heutzutage die schädlichen Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit bekannt sind, nur noch wenn nötig verwendet werden. Jedoch ist Plastik ein sehr gutes Beispiel dafür, dass die Politik, die Industrie und die Gesellschaft größtenteils daran interessiert sind die Produkte billig zu halten. Das Beste ist wohl, wenn jeder sich erst einmal an die eigenen Nase fasst…

Text Samuel Sellmaier

Mut weiter zu lesen?

* BUND, Meeresschutz, Mikroplastik, Produktliste:

http://www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/meere/131119_bund_meeresschutz_mikroplastik_produktliste.pdf

* Warum auch Textilien Schuld sind

http://www.badische-zeitung.de/wirtschaft-3/plastiksuppe-weltmeere-wieso-auch-textilien-schuld-sind–103071679.html