Es knallt. Verwundert schaue ich aus dem Busfenster: „Den Müllsack kenn’ ich doch? Wurde der nicht eben noch herumgereicht?“ Wie dem auch sei, im Vergleich zu mir erreicht er unser Ziel –  Santiago de Chile – nicht. Der Knall war die Landung, in einer scheinbar endlosen Reihe aus blauen, schwarzen, gelben, weißen und bunten Müllsäcken am Straßenrand. Wir sind eben nicht Deutschland, oder?

Am Ziel angekommen mache ich mich auf den Weg zu einer Verabredung in Las Condes, im Osten der Stadt. Nahe den teuren Wohngebieten. Der Stadtteil von Santiago, an dem ein Mittagessen schnell das Mensabudget für zwei Wochen verschluckt. Als ich aus der Metro komme, fällt mir eine Werbung auf: „Achte auf deine Stadt! Schmeiß kein Plastik in die Umwelt!“

Ich schaue mich verwundert um. Hier sieht es doch super aus? Die Glastower glänzen in der Sonne, die Straßen sind geputzt. Von Mülltüten am Straßenrand ist weit und breit keine Spur mehr. Ganz im Gegenteil. Es gibt eine Vielzahl an Mülleimern, die Rasenflächen glänzen grün und voller Energie. Alles ist geordnet und sauber. Lautlos verschwindet der leere Joghurtbecher in der eben geleerten Alutonne.

Und dennoch, auch ohne Terremoto (spanisch für Erdbeben), fangen die Glashäuser bei meinem anschließenden Besuch auf dem großen Obst- und Gemüsemarkt La Vega gehörig an zu wackeln. Ich bin jetzt in der Nähe des Plaza de Armas, im Herzen der Altstadt unterwegs. Mein Ziel ist der Markt und so überwinde ich die Brücke über den Mapocho – in mehrfacher Hinsicht. Im Flussbett fließt eine braune Brühe vor sich hin. Es sieht nicht einladend aus und wie zu erwarten war, ist auch mein Müll wieder da. Aus der Hand des vormaligen Besitzers fliegt eine weiße Plastiktüte gefüllt mit dem Wegwerfbesteck und Überbleibseln des Abendessens mit Schwung in das Flussbett. Als die Tüte unten ankommt verliere ich sie aus den Augen, sie ist dort unten nicht allein.

Auf den nächsten 100 Metern nimmt die von mir mit Verwunderung wahrgenommene Ordnung und Sauberkeit Schritt für Schritt ab. Ich komme an weiteren, großen und kleinen, dicken und dünnen Müllhaufen und Schrottteilen vorbei. Manchmal aufgereiht, um eine ranzige Mülltonne, manchmal einfach an der Straßenecke. Keine dezenten und gut gelehrten Alutonnen, stattdessen überfüllte Container mit herumstreunenden Hunden. Na klar, denn irgendwo muss der Müll ja auch hin!

Doch bemerke ich einen Wandel. Chile, eines der reichsten Länder Südamerikas ist nach dem aktuellen Stand der OECD/DAC nur noch bis 2017 ein Empfängerland für Entwicklungshilfe. Die Hauptstadt, Santiago, ist eine Metropole mit teuren Autos, schönen Menschen und herrschaftlichen Wolkenkratzern, in denen sich der wachsende Reichtum spiegelt. Andererseits gibt es immer noch einen „älteren“ Teil, der sich nicht in Glashäusern, sondern in dem schmuddeligen Fluss spiegelt. Vielleicht eher eine Form des „Klischeelateinamerikas“. Dass sich beides nicht immer verträgt, liegt auf der Hand. Und dennoch: Die vielen Demos und Plakate, die gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen Diskriminierung oder für kostenlose Bildung, für Chancengleichheit und für Umweltschutz werben, zeigen deutlich: Veränderung muss her! Ich bin gespannt, ob ich bei meinem nächsten Besuch in Santiago auch in meinem „Klischeelateinamerika“ die Mülltüte am Straßenrand vergeblich suchen werde.

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TEXT: Nicolas Bosbach