Eine alternative Herangehensweise 

Leben im Einklang mit der Natur? Vermeidung von Müll, speziell Plastikmüll? Schutz der uns umgebenden Umwelt? Diese Themen gehören wohl zu den meist diskutiertesten unserer Gesellschaft und gleichzeitig zu denjenigen, bei denen noch einiges an Handlungsbedarf besteht. Besonders urbane Gegenden produzieren weltweit Unmengen an Müll. Aber wie sieht das Ganze eigentlich bei der Urbevölkerung aus, die in den stark bewaldeten Western Ghats im indischen Bundesstaat Karnataka lebt? Die Weltwärtsfreiwilligen Lena Limpert und Tanja Grahl haben das Integrated Tribal Development Project* ihrer Aufnahmeorganisation Vikasana besucht und sich mit den TeilnehmerInnen über die Vor- und Nachteile ihres ländlichen Lebens, sowie über Umweltschutz und Müllentsorgung unterhalten.

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Die Bergstadt Shringeri hat knapp über 4.000 Einwohner. Von hier aus geht es nur noch mit dem Jeep weiter. Kurvige, teilweise unbefestigte Straßen und Feldwege. Nicht immer können wir bis vor die Tür fahren, manchmal müssen wir das letzte Stück laufen.
Die Gemeinde, die wir getroffen haben lebt in und mit ihrer natürlichen Umgebung. Abgeschieden von größeren Orten ist sie angewiesen auf ein Leben im Einklang mit der Natur und ein harmonisches Verhältnis zu ihrer Umwelt. Doch diese Abgeschiedenheit ist keinesfalls ein wirtschaftlich bedingter Zwang, im Gegenteil, die Menschen, mit denen wir sprachen, ziehen es sogar vor dort zu wohnen und zu arbeiten, anstatt in den Städten zu leben. Schließlich, so erzählten sie uns, hätten sie hier alles, was sie bräuchten.

Zitat: „Die Abgeschiedenheit ist keinesfalls ein wirtschaftlich bedingeter Zwang.“

Die meisten arbeiten als Bauern und Bäuerinnen. Sie halten Kühe, Ziegen und Hühner, sammeln Früchte und Honig im Wald und betreiben Mischkultur-Plantagen rund um ihre Häuser. Der Anbau in Mischkulturen ist eine besondere Form ökologischer Landwirtschaft, bei der verschiedene Pflanzenarten unterschiedlicher Erntezeiten in einem Gebiet kultiviert werden, um eine ganz jährliche Ernte zu garantieren und den Nährstoffgehalt im Boden zu bewahren.

In einer kleinen, von der Regierung geförderten Handtuch-Manufaktur verdienen sich die Menschen zusätzliches Einkommen, zum Beispiel als SchneiderInnen. Auch Vikasana schafft einkommensschaffende Maßnahmen. Die Organisation hilft den BewohnerInnen kleine Läden am Straßenrand zu errichten, in denen sie ihre eigenen Produkte, aber auch Tee, Kaffee, Snacks und andere Güter verkaufen können.

Natürliche Herausforderungen

Das Leben in und mit der Natur ist nicht immer einfach. Zum einen stellen die zeitweise sehr starken und andauernden Regenfälle eine Bedrohung für die Ernte dar. Die großen Wassermengen spülen die Samen weg und waschen die Böden aus. Zum anderen leben in den Wäldern auch zahlreiche Wildtiere wie Affen, Wildschweine und Büffel. Und diese sehen die Reis-, Kokosnuss- oder Bananenpflanzen, die hier unter anderem angebaut werden, als willkommene Abwechslung auf ihrem Speiseplan. Hinzu kommen die langen Schulwege der Kinder. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht. Eine Anbindung an städtische Strom- und Wasserleitungen auch nicht.

Die Gemeinde möchte sich trotz der Herausforderungen allerdings nicht dem Willen der Regierung beugen und in die Städte ziehen. Die Regierung wirft ihnen vor den Wald zu überwirtschaften und bietet für die Umsiedlung in größere Orte sogar eine Entschädigung an. Doch die Menschen wurden hier geboren und haben hier ihr ganzes Leben verbracht. Ein Umzug in die Stadt, käme für sie einer Entwurzelung gleich.

Natur als Lebensgrundlage

Für die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, überwiegen ganz klar die positiven Seiten ihrer Lebensrealität. Ein Beispiel sind die geringeren Ausgaben im Alltag. Denn die FarmerInnen beziehen viele Materialen aus dem Wald und verwenden sie zur Herstellung alltäglicher Gegenstände. Vor allem Bambus ist vielseitig einsetzbar, wird zu Körben und Tellern verarbeitet, aber auch teilweise im Häuserbau eingesetzt. Der größte Teil benötigter Nahrungsmittel wird im hauseigenen Garten und ebenfalls aus dem umliegenden Wald geerntet. Und die medizinischen Heilpflanzen, die in der Umgebung wachsen, sind eine gute Alternative zu den teuren Medikamenten aus der Apotheke.

Die Natur bedeutet für die Menschen dort eine wichtige Unterstützung und Lebensgrundlage, weswegen sie sehr darauf bedacht sind, ihre Umwelt zu schützen. Dennoch wird ihnen immer wieder vorgeworfen dem Wald zu schaden und Mitschuld an dessen Zerstörung zu tragen. Dabei seien es gerade die großen Plantagen-Besitzer, die den Wald gefährden, indem sie Waldflächen übermäßig roden in Monokulturen umwandeln, um große Gewinnsummen zu erzielen. Und auch die städtische Konsumgesellschaft würde durch die Unmengen an Plastikmüll einen großen Teil zur Zerstörung der Umwelt beitragen, erklären sie uns.

Kaum Müll

Die Gemeinde hingegen, verwendet zusätzlich zu den bereits erwähnten Mischkultur-Feldern, ausschließlich Biogas-Öfen, um keine Bäume für Holz fällen zu müssen. Zudem vermeiden sie Plastikprodukte und gehen beispielsweise nur mit wiederverwendbaren Taschen zum Einkaufen auf den Markt. Da sie außerdem weitestgehend auf Fleischprodukte verzichten, fallen so gut wie nur biologische Abfälle an. Diese werden gemeinsam mit Kuhdung und Laub aus dem Wald in einem Kompostsystem zu Dünger verwertet. Im Endeffekt entsteht also gar kein Müll im herkömmlichen Sinne.

Auf unsere Frage, was sie über die Konsumgesellschaft denken und den Menschen in den Städten gerne mit auf dem Weg geben möchten, antwortete die Community, dass es gerade die Menschen der Konsumgesellschaft seien, also auch wir, die die Natur zerstören und somit das Überleben aller gefährden. Zwar sagen sie, dass moderne Technologien durchaus wichtig seien und eine große Erleichterung darstellen können, unter der Voraussetzung, dass sie in den richtigen Gebieten eingesetzt werden. Dies sei jedoch bisher nicht ausschließlich der Fall. Im Gegenteil: die neuen Technologien bedrohen in ihren Augen die Arbeit der FarmerInnen mehr, als dass sie diese unterstützen. Wenn nicht bald etwas geschehe, sagen sie, wird es künftig kein Leben auf dem Land mehr geben und auch die Natur wird zusehends in Mitleidenschaft gezogen werden, sodass irgendwann nicht mehr genügend Nahrung für alle vorhanden ist.

Zitat: „Neue Technologien bedrohen die Arbeit der FarmerInnen mehr, als dass sie diese unterstützen“

Diese Aussagen sollten wir uns durchaus zu Herzen nehmen und unser eigenes Handeln überdenken, inwiefern es sich auf unsere Umwelt auswirkt und was wir tun können, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken.

Text von Lena Limpert und Tanja Grahl

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VIKASANA´s „Integrated Tribal Development Programme“

Das Projekt “Integrated Tribal Development Programme” wurde zur Unterstützung der indischen Tribal Community, welche die älteste ethnologische Gruppe der indischen Bevölkerung darstellt, von der indischen NGO VIKASANA im Mai 2011 ins Leben gerufen. Ziel ist die Gewährleistung nachhaltiger, ökologischer Landwirtschaft und eine Verbesserung deren Umsetzung innerhalb der tribal society. Das Projektgebiet umfasst 18 Dörfer rund um Koppa und Shringeri innerhalb des Chikmagalur Districts. Auch wenn die Tribals nicht in einer eigenen Subkultur leben, grenzen sie sich doch in ihrer Kultur und Lebensweise von der restlichen indischen Bevölkerung deutlich ab. Allerdings muss hier deutlich gemacht werden, dass es sich keinesfalls um exotische Buschvölker, sondern um ganz normale Menschen, die in normaler Kleidung in landestypischen Häusern lebt, handelt.