Sumana Srivatsa kommt aus Bangalore im indischen Bundesstaat Karnataka. Für ihr Masterstudium in Bioinformatik zog sie 2013 nach Zürich, wo sie nun auch promoviert. Ihr Leben im Ausland lässt sie mit anderen Augen auf die Müllproblematik in ihrer Heimat schauen.

 

Reinheit scheint ein wichtiger Bestandteil der indischen Kultur zu sein, der jedoch oft auf das Selbst begrenzt ist. Gurus predigen davon Geist, Körper und Seele zu reinigen. Wir beten vermenschlichte Repräsentationen von natürlichen Dingen an und dennoch betont niemand die Bedeutung der Natur. Ich habe Menschen gesehen, die ihren Müll auf die Straße oder ein ungenutztes Stück Land geworfen haben. Die moralischen Werte, die uns in der Schule beigebracht wurden, blieben leere Worthülsen und nichts weiter. MahatmaGandhi hat einmal gesagt: “Ich lasse niemanden mit dreckigen Füßen durch meinen Geist laufen.” Ich wünschte, er hätte seine Aussage auf Mutter Natur erweitert. Denn ich hätte mir erhofft, dass eine Aussage von ihm in diese Richtung die Menschen in Indien dazu bewegt hätte, sich wenigstens ein wenig um die Umgebung in der sie leben zu kümmern.

Zu viele EinwohnerInnen

Bangalore, die Stadt aus der ich komme, wurde einst Garden city of India – die Gartenstadt Indiens – genannt. Heute nennen wir sie spöttisch Garbage city of India – die Müllstadt Indiens – weil es ein riesiges Problem mit der Entsorgung gibt. In den letzten drei Jahren ist die Einwohnerzahl von 9,5 auf 11,5 Millionen gewachsen und die Stadt hat Schwierigkeiten, diesen Zuwachs zu verarbeiten. Der IT Boom in Indien hat zwar dafür gesorgt, dass Bangalore als Indiens „Silicon Valley“ bekannt geworden ist. Gleichzeitig hat die Stadt aber ihre Seen an die EinwanderInnen verloren, die für die IT Jobs gekommen sind. Vor einigen Monaten gab es eine Überschwemmung, weil sich das Regenwasser nirgendwo sammeln konnte. Über Nacht ließ die Regierung daraufhin Gebäude abreißen, die auf den Seen gebaut worden waren. Es war dieselbe Regierung, die vorher, motiviert durch ein wenig Schmiergeld, die Baugenehmigungen erteilt hatte. Über die funktionelle Bedeutung der Natur hatte sich damals keiner Gedanken gemacht.

Die Einstellung der Menschen muss sich ändern

Ich sollte noch klarstellen, dass ein beträchtlicher Teil der indischen Bevölkerung immer noch in Armut lebt. Von Menschen, die sich bemühen ihre Grundbedürfnisse zu stillen, erwarte ich nicht, dass sie sich viele Gedanken über die Umwelt machen. Deshalb ärgere ich mich nicht über die Armen, sondern die Reichen, deren Ignoranz nur eine Reflexion ihres Narzissmus ist. Ich weiß, dass es Programme der Regierung gibt, um das Land sauberer zu machen. Zum Beispiel „Swachh Bharat Abhiyan“. Aber meine Meinung ist, dass ein Wandel nicht von oben herab bestimmt werden kann, sondern auf einem persönlichen Level beginnen sollte – und da haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

„Indische Reinheit ist oft auf das Selbst begrenzt“

Mittlerweile lebe ich seit drei Jahren in Zürich. Seit dem ich hier bin habe ich viele andere indische AuswanderInnen gesehen, die den Regeln hier folgen und die Natur respektieren. Deshalb frage ich mich: Wenn wir es in einem anderen Land können, warum verändert sich unsere Einstellung sobald wir wieder zu Hause sind? Ein großer Unterschied besteht darin, wie ernst Recht und Ordnung hier genommen werden. Ich denke, in diesem Bereich können wir noch viel vom Westen lernen und auch hier beginnt der Wandel wieder beim Individuum. 

Aus dem Englischen von Simon Möller