Enrico Fabian hat in seiner Serie „Tracing Waste – The Kabari’s contribution to Society“ die Müllsammler von Delhi für mehrere Monate mit der Kamera begleitet. Der inzwischen mehrfach ausgezeichnete Fotograf konnte dabei einen Einblick in den Alltag einer informellen Arbeiterschicht einfangen, die trotz ihrer wichtigen Aufgabe von fast allen Seiten ignoriert und verachtet wird.

 

 

Du hast Deinen Job pausiert und bist nach Delhi gezogen, weil Deine Freundin dort einen Job bekam – stimmt das? Was hat Dich dazu bewegt, die Menschen auf diesen Müllbergen in den Fokus Deiner Aufnahmen zu rücken?
Ja. In den Anfangsmonaten war ich in Delhi Reisebegleiter für deutsche Touristen bei einer privaten Firma. Immer wenn wir für Touren die Stadt verließen, sah man aus dem Auto diesen riesigen Müllberg! Das war total überwältigend. Ich wollte einfach wissen, wer diese Menschen auf der Müllhalde sind. Ich bin kein Fan von besonders vielen Fotografen, aber James Nachtwey hat früher sehr gute Arbeiten gemacht und sich mit Themen wie Armut und Krieg beschäftigt. Die Dokumentation „War Photographer“ hat mich unter anderem inspiriert.

Du gehst mit Deinen Aufnahmen sehr nah an das Leben der Menschen heran. Ist es Dir leicht gefallen, mit den Leuten auf der Müllhalde Kontakt aufzunehmen?
Man versucht so wenig wie möglich als “Besucher” in Erscheinung zu treten, aber wird es natürlich bleiben, egal wie viel Zeit man dort verbringt. Damals war es besonders schwierig, weil ich so gut wie kein Hindi sprach. Ich habe mich zuerst an die NGO „Chintan“ gewandt und sie gefragt, ob sie mich bei dem Projekt mit dem Aufbauen des ersten Kontakts unterstützen können. Danach bin ich einfach immer alleine dorthin gegangen. Am Anfang fanden es die Leute sicher seltsam, dass wieder mal ein Fotograf dort ist. Ich habe versucht, viel Zeit dort zu verbringen und mich der Situation anzupassen. Das führt zu einem gewissen Grundvertrauen. Nachdem sich die Anspannung auf beiden Seiten löste, wurden die Bilder auch viel menschlicher.

Wie lange warst Du mit den „Kabaris“, den Müllsammlern, unterwegs? Ist es Dir in der Zeit gelungen, trotz der vielen Barrieren persönliche Beziehungen zu entwickeln?
Das kommt auf die Definition an. Natürlich hat man die einen öfter gesehen und getroffen als andere. Aber kann man das dann schon „persönliche Beziehung“ nennen? Ich weiß es nicht. Aber wenn ich heute mal in der Gegend bin, dann besuche ich immer noch die Häuser von einigen Menschen, die ich kennen gelernt habe.

Warum sind die Kabaris aus der indischen Gesellschaft ausgeschlossen?
Sie sind in vielerlei Hinsicht ausgeschlossen. Zum einen, weil sie „schmutzige“ Arbeit machen, obwohl diese sehr wichtig ist, zum Anderen weil viele aus der untersten Kaste der „Unberührbaren“ stammen, des weiteren weil viele von Ihnen nicht einmal aus Indien stammen. Einige kommen aus Bangladesch und anderen angrenzenden Staaten.
Indien ist generell sehr hierarchisch aufgebaut, und das setzt sich bei den Leuten dort fort. Nur leider stehen sie im großen Kontext praktisch ganz unten. Die MüllhändlerInnen zum Beispiel, die ihnen das Aufgesammelte abkaufen, stehen auch noch eine Stufe höher und sitzen dadurch auch am längeren Hebel.

Wie würdest Du in Delhi speziell die Rolle der Regierung und „Municipal Corporations of Delhi“ (MCD), die ja eigentlich für den Müll zuständig sind, beschreiben?
Als extrem gering. Gäbe es dieses informelle Müllsystem nicht, zu dem die Kabaris den größten Teil beitragen, dann würde die Stadt im Müll versinken. Die MCDs ruhen sich auf der Not der Leute aus, denn sie wissen, dass diese die Arbeit benötigen. Zwar sammeln die öffentlichen Träger den Müll ein, aber überlassen das Trennen und Verwerten nahezu komplett dem informellen System.
Das ändert sich in den letzten Jahren sehr langsam. An der Müllhalde, auf der ich meine Fotos gemacht haben, steht seit kurzem eine private Müllverbrennungsanlage. Das verschlechtert die Situation der Leute aber eher, da sie trotz ihrer Erfahrung  in diesen Prozess nicht eingebunden werden.

Können NGOs wie „Chintan“ den Menschen unter die Arme greifen?
Es gibt in Indien eine Menge Hilfsorganisationen. Viele könnten eine bessere Arbeit machen. Ich denke aber, dass Chintan schon eine der guten ist. Aufgrund der Größe und Erfahrung kann die NGO den Leuten oft helfen: Sei es dass sie Schulprogramme organisieren, die Rechte der Kabaris vertreten oder mit der Regierung verhandeln. Der unmittelbare Fortschritt bleibt aber oft aus – auch weil die Gesellschaft und Politik sich einfach nicht dafür interessiert.

Gibt es eine Zukunftsperspektive für die Menschen? In Pune ist  z.B. mit der „SWaCH“-Kooperative schon eine Form der Selbstorganisation der Müllsammler ins Leben gerufen worden.
Ja, davon habe ich auch gehört, ich finde das Projekt toll! Ich habe schon von kleineren Ansätzen in Delhi gehört, geführt von „Chintan“, auch in Kooperation mit dem privaten Sektor. Das sind aber nur Tropfen auf den heißen Stein. Vor Allem mit dem Privaten Sektor als neuer Akteur in der Müllverarbeitung wird das Leben für die Kabaris eher noch schwerer, weil diese nur ihren Profit maximieren wollen und vieles automatisieren. Niemand schert sich um diese Leute, und weil menschliche Arbeitskraft so günstig ist und sie durch die Umstände dazu gezwungen sind, werden sie einfach vergessen.

Was ist das Ziel der Fotoserie? Was könnte missverstanden werden?
Ich möchte ganz einfach Wissen vermitteln, ohne dabei zu belehren. Was ich nicht wollte, war noch eine Story über Armut und Verzweiflung. Vielmehr wollte ich darstellen, wie sehr das Leben der Leute in Delhi von den Kabaris abhängt und was für einen wichtigen Dienst sie im Schatten der Gesellschaft leisten müssen. Deshalb habe ich eher aus der Perspektive des Alltags heraus Bilder gemacht. Ich wollte zeigen, wie dort alltäglich Menschen wie Du und ich arbeiten, lachen, spielen, einen geregelten Tag leben. Damit versuche ich natürlich die BetrachterInnen zu beeinflussen.

Vielen Dank für das Interview!

INTERVIEW Benjamin Lang