Fallbeispiel eines Projekts auf den Philippinen Circa 15 000 Menschen leben in den gefährlichsten Gegenden der Philippinen. Nämlich auf und neben den riesigen Bergen von Müll. Eine von ihnen ist Anita Gonzales. Über zehn Jahre führte sie mit ihrer Familie ein Leben, das von Schmutz, Abfall und giftigen Gasen geprägt war – bis sie die Möglichkeit erhielten Teil des Umsiedlungsprojekt „San Pio Village“ und somit Teil einer neuen Gemeinschaft zu werden. Doch bis dahin war es ein langer Weg, der in einem kleinen Dorf im Süden des Inselstaates begann.

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Anita wuchs als Jüngste von neun Kindern in einem Bauernhaus auf. Aufgrund der abgelegenen Lage benötigte sie drei Stunden, um in die Schule zu gehen. „Jeden Morgen habe ich diesen langen Weg zurück gelegt und bin erst abends mit meiner Laterne zurück gekommen“, erzählt sie. Des Öfteren musste sie auch unter der Woche ihren Eltern mit der Hofarbeit unter die Arme greifen, um die Familie vor einer finanziellen Notlage zu bewahren. Aufgrund des mangelnden Einkommens der Eltern blieb ihr ein Collegeabschluss verwehrt, mit der Folge, dass sie keine Arbeit fand. Mit 19 Jahren entscheid Anita in die Millionenstadt Cebu City zu gehen, voller Hoffnung auf bessere Verdienstmöglichkeiten. Sie machte sich auf den Weg zu ihrer Verwandtschaft – und begann ihr Leben auf der Müllkippe.

Am unteren Ende der Gesellschaft

Urbanisierung ist der häufigste Grund weshalb sich Menschen wie Anita auf den Müllkippen niederlassen. Diese Menschen stehen dann an unterster Stelle der philippinischen Gesellschaft. Ein Leben auf der Müllkippe ist zwar nicht legal, wird jedoch von der Regierung geduldet. Offensichtlich fehlt dieser selber die nötige Kapazität das Problem der Armut und sozialen Ausgrenzung zu bewältigen. Stattdessen wird es einfach unter den Tisch gekehrt.

Anita verliebte sich in ihren Nachbarn Ricardo und bekam nach ihrer Hochzeit zwei Söhne. Um die kleine Familie ernähren zu können, arbeitete Ricardo als „Scavenger“ oder auch „Müllsammler“ genannt. Er verbrachte den ganzen Tag auf den Abfallbergen, um Plastikteile, Flaschen, Metall und andere wiederverwendbare Materialen zu sammeln. Seine Fundstücke konnte er an die naheliegenden „Junkshops“ verkaufen. Mit seiner Arbeit verdiente der zweifache Vater durchschnittlich 200 Pesos (4€) am Tag, womit die täglichen Ausgaben der Familie gedeckt werden konnten. Zu Essen gab es das, was die KundInnen der Fastfood Restaurants übergelassen hatten. Jeden Abend warteten die Gonzales auf den LKW, um das Essen, das herausgeworfen wurde, aufzufangen, bevor es auf dem dreckigen Boden landen konnte.

Im eigenen Dreck schwimmen

Anita erzählt weiter: Wenn es über der Müllkippe regnete, wurde unser Haus zu einem Alptraum. Das Wasser des naheliegenden Sees ist angestiegen und in unsere vier Wände eingedrungen. Mittedrin der Müll der Deponie.“ Die Stabilität der zum Teil selbsterbauten Häuser kann einem Unwetter oder eine Flut nicht Stand halten. Am Schlimmsten betroffen waren BewohnerInnen von Müllkippen als der Taifun Hayan 2013 die Inseln der Philippinen unsicher machte. Er hinterließ schlimme Folgen. Neben zahlreich verunglückten und verletzten Menschen wurden viele Häuser zerstört und die BewohnerInnen der Deponien waren wochenlang mit dem Reparieren und Wiederaufbauen ihres zu Hauses beschäftigt.

Doch auch ohne Taifun war das Leben der kleinen Familie nicht ungefährlich. Die schlechte Luft und die Gase, die bei der Müllverbrennung entstehen, verursachen immer wieder kehrende Krankheiten wie Husten oder Hautauschläge. Und die vielen Moskitos verbreiteten Dengue Fieber. Anita fing an sich Sorgen um die Gesundheit ihrer Söhne zu machen.

Doch sie wurden nicht vergessen

Manchmal hatten sie das Glück von ehrenamtlichen ÄrztInnen untersucht zu werden. Die kostenlose Behandlung linderte die Symptome, konnte jedoch nicht die Ursachen beheben. Auch andere Hilfsorganisationen haben es sich zur Aufgabe gemacht, die BewohnerInnen der Müllkippen zu unterstützen. So wurden beispielsweise Vorschulen gebaut oder Schulstipendien vergeben. Eine dieser Hilfsorganisation ist die Nicht-Regierungs-Organisation JPIC-IDC, die das Umsiedlungsprojekt „San Pio Village“ verwaltet.

Anita bewarb sich für das Projekt und tatsächlich, wenig später konnte ihre Familie in die dörfliche Einfamilienhaus-Siedlung umziehen. Gerade rechtzeitig, bevor die Regierung die Müllkippe schloss, auf der die Gonzales zuvor gelebt hatte, aufgrund zu starker Luftverschmutzung und gesundheitlicher Gefahren. Und nicht nur die Müllkippe wurde geschlossen, auch die umliegenden Häuser in den genannten „risikoreichen Gebieten“ wurden abgerissen. Betroffene Familien bekamen eine Entschädigung von 5000 Pesos (100€), was offensichtlich nicht reicht, um sich einen Neustart zu ermöglichen. Den Gonzales wäre ihre ganze Existenzgrundlage unter den Füßen weggerissen worden.

Kredit und Einfamilienhaus

Doch die kleine Familie ist diesem Schicksalsschlag entkommen, ihr Leben hat eine andere Richtung eingeschlagen. Heute leben Anita, ihr Mann und ihre Kinder ein Leben frei von gesundheitlichen Risiken und weit weg von dem Müll. Die Umgebung ihres neuen Zuhauses ist sauber, sie können frische Luft einatmen, die Kinder haben Platz zum Spielen.

Um die Nachhaltigkeit des Umsiedlungsprojektes gewährleisten zu können, wurden einkommensschaffende Maßnahmen entwickelt. Geschäftsfähige BewohnerInnen erhalten ein Startkapital von 200€, um sich ein eigenes kleines Geschäft aufzubauen. 50% soll dann nach fünf Monaten aus dem Profit zurückgezahlt werden. Der Rest wird erlassen.

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Anita kaufte sich mit dieser Unterstützung ein Tricicat (siehe Foto), was sie benutzt um frisches Obst und Gemüse zu verkaufen. Ihr Tag beginnt um 4 Uhr morgens, wenn sie ihre Ware auf dem lokalen Markt besorgt. Manches pflanzt sie auch selbst in ihrem kleinen Garten an. Durch ihr Geschäft erhält sie einen täglichen Profit von 150 Pesos (3€), Essen für ihre Familie inklusive. Jeden Tag legt sie 50 Pesos für Notfälle zurück. Die anderen 100 Pesos sind für tägliche Ausgaben und die Bildung der Kinder gedacht.

Im Vergleich zu dem philippinischen Mindestlohn von 450 Pesos (8,75€) am Tag, ist Anitas Einkommen noch sehr gering. In manchen Monaten fällt es ihr und ihrem Mann schwer, die anfallende Miete des Hauses zu bezahlen. Dennoch reicht das Geld um beispielsweise die Kinder in die Schule zu schicken. Für Anita ist es eine große Entlastung. Es bedeutet die vielen Sorgen endlich hinter sich lassen zu können und nach vorne zu schauen. Sie ist sehr dankbar, dass „San Pio Village“ ihrer Familie die Chance auf ein besseres Leben ermöglicht hat.

 

TEXT Luisa Hogrebe