IMPRESSIONEN Unsere Autorin wurde in ihrem Freiwilligendienst oft mit der Diskrepanz zwischen den Werten, die sie vermitteln sollte, und dem Alltag in ihrer Heimat eingeholt. Ein Beispiel.

 

Die Kinder sitzen versammelt im Gemeinschaftsraum. Ein Junge verdunkelt die Fenster, damit unsere Powerpoint-Präsentation besser zu erkennen ist. Mit einem der Mädchen sind wir den Vortrag schon etwas durchgegangen, damit vom Englischen in Kannada, der Sprache des Bundesstaates Karnataka, übersetzt werden kann. Die NGO bei der wir unseren Freiwilligendienst machen wünscht sich ab und zu, dass wir Präsentationen zu bestimmten Themen machen. Heute geht es um das Thema Umweltschutz und den Umgang mit Plastik.
Gemeinsam überlegen wir, wofür Plastik im Alltag verwendet und was damit angestellt wird, wenn wir es nicht mehr brauchen. Wir versuchen zu erklären, woraus Plastik gemacht ist und vergleichen seine Lebensdauer mit der anderer Stoffe.

Nachdem wir Teile des Films “Plastic Planet” zeigen, entsteht ein riesiges Durcheinander – im Film werden Familien aus aller Welt aufgefordert, sämtliche Plastikgegenstände aus ihrem Haus herauszusuchen und vor der Haustür zu drapieren. Die Lehrerin des Heimes schlägt die Hände über dem Kopf zusammen als 35 Kinder anfangen, kreuz und quer durch das Gebäude zu rennen und fein säuberlich ihr gefundenes Hab und Gut auf dem Hof auszubreiten. Sie machen ihren Job wirklich gut, denn es kommen Gegenstände zum Vorschein, die mir nie aufgefallen sind.
Als wir fertig sind, betrachten wir unsere außergewöhnliche Sammlung.

Wie würde dieses Projekt wohl bei uns in Deutschland aussehen? Ich habe die leise Ahnung, dass wir im Haus meiner Familie deutlich mehr finden würden. Ich denke an Supermarktregale, Plastikspielzeug und den Plastikmüll, der bei uns alle drei Tage darauf wartet, zur Tonne gebracht zu werden. Auf einmal kommt es mir gar nicht mehr so viel vor, was die Kinder herausgesucht haben. Wenn ich es mir genau überlege, fällt in den indischen Haushalten, die ich bis jetzt gesehen habe, vergleichsweise sehr viel weniger Plastikmüll an. Er fällt nur stärker auf, da hier keine Müllabfuhr kommt, die sich der Sache annimmt. Sonntags wird hier nach dem Hausputz alles an Müll verbrannt, was sich über die Woche angesammelt hat – gesund ist das offensichtlich nicht. Aber was soll sonst damit passieren? Sammelstellen gibt es wohl, die sind jedoch weit weg. Mir fällt die leere Shampooflasche ein, die noch im Bad steht. Wohin damit? Mir wird klar, dass ich wohl selbst noch viel dazulernen kann. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es bei uns aussehen würde, wenn zwei Wochen lang die Müllabfuhr nicht kommen würde. Plötzlich fühlt es sich nicht mehr richtig an, den Kindern von meiner Position etwas über Umweltschutz erzählen zu wollen – Als Vertreterin eines Lebensstils, im Zuge der Angleichung an eben diesen erst so viel Plastikmüll entsteht.

TEXT Alena Jahnsa10b_alena-portrait