ZUSAMMENHÄNGE Das Modell der Konsumgesellschaft breitet sich weltweit aus – auch in Indien gibt es Unmengen an Produkten zu kaufen, um materielle Bedürfnisse zu stillen. Eins der größten Probleme dabei ist die schiere Masse an Müll, die bei der Produktion und nach dem Verbrauch entsteht.
In Indien wird Müll traditionellerweise in der Natur entsorgt, was für lange Zeit auch kein großes Problem darstellte: die Müllmenge war überschaubar und bestand hauptsächlich aus biologisch abbaubaren Materialien. Doch mit dem wachsenden Konsum sind die Müllmengen nicht nur größer geworden, sie haben sich auch verändert. Häufig sieht man nun Plastik- oder sogar Elektromüll am Straßenrand liegen.

Indien hat seit der Unabhängigkeit ein gewaltiges Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum erlebt. Während einige Teile des Landes immens davon profitiert haben, konnten andere Bereiche mit der rasanten Entwicklung nicht Schritt halten – wie beispielsweise die Müllentsorgung.

Noch produziert der Durchschnittsmensch in Indien weniger Müll als Ottonormalverbraucher in Ländern des Globalen Nordens, doch die noch immer schnell wachsende Wirtschaft wird den Konsum weiter verstärken und so wird auch die Müllerzeugung in Indien weiter ansteigen. Müllentsorgung liegt in Indien komplett in der Verantwortung der einzelnen Bezirke. Allerdings fehlt es  vielen Bezirken an finanziellen Mitteln, Infrastruktur und Technologie sowie Unterstützung des privaten Sektors und NGOs.

Die Situation in den Städten

Die übliche Methode der Müllentsorgung beginnt mit dem sogenannten „street sweeping“. Der Müll wird von staatlichen angestellten EntsorgerInnen in Haufen zusammen gefegt und dann in Abfallbehälter entsorgt. Zusammen mit dem Müll aus Gemeinschaftsmülltonnen wird dieser dann von LKWs abtransportiert. Allerdings ist das „street sweeping“ eine Mammutsaufgabe und die Städte beschäftigen oft zu wenige Arbeitskräfte. Auch werden die Mülltonnen nicht regelmäßig entleert. Es gibt an manchen Orten einfach zu wenige Entsorgungsmöglichkeiten, sodass der Müll stattdessen auf dem Boden landet.

94% von Indiens Abfällen werden unsicher entsorgt, also unkontrolliert verbrannt oder auf Müllhalden gebracht, wo sie Gefahr laufen  der Umwelt zu schaden weil beispielsweise giftige Stoffe ins Grundwasser gelangen. Außerdem ist geeignetes Land oft zu teuer und es gibt viele bürokratische Hürden für die Eröffnung von neuen Müllhalden.

Als eine weitere Folge des hohen Müllaufkommens führt die unkontrollierte Müllverbrennung zu großen gesundheitlichen und ökologischen Problemen. Das Verbrennen von Müll ist zwar gesetzlich verboten, aber gerade in Privathaushalten eine weit verbreitete Entsorgungsmethode . Verbrannter Müll “verschwindet” und stört nicht auf dem Boden.

Folgen

Laut einer Studie geleitet vom „US National Center for Atmospheric Research“ werden weltweit 40% des Mülls unkontrolliert verbrannt. Die WissenschaftlerInnen schätzen, dass 5% der weltweiten CO2 Emissionen und 10% der Quecksilber-Emissionen durch Müllverbrennung verursacht werden. Dies treibt nicht nur den Klimawandel voran, sondern sorgt auch für gesundheitsschädliche Luftverschmutzung. Doch die  durch unkontrollierte Müllverbrennung verursachten Emissionen sind nur schwer messbar und werden von Umweltbehörden in Statistiken oft vernachlässigt, was zu unzureichenden Bekämpfungsmaßnahmen führt.

Wie gefährlich die Folgen von Müllverbrennung sein können, zeigte Anfang des Jahres ein Ereignis in Mumbai. Als dort ein Teil der angeblich größten Müllhalde Asiens brannte, verursachte der Rauch bei den BewohnerInnen in der Umgebung starke Atemprobleme.

Auf den Müllkippen angekommen, wird noch ein weiteres Problem verursacht: Inoffizielle Arbeit unter schrecklichen Bedingungen. Die sogenannten „rag pickers“, darunter viele arme Frauen und Kinder, durchforsten den Müll nach wiederverwendbaren Materialien, die sie für eine kleine Entlohnung an MüllkäuferInnen verkaufen, welche den Müll dann säubern und an Recyclingunternehmen weiterverkaufen. Diese Arbeit ist sehr ungesund, da die Menschen keine Schutzkleidung tragen und oft giftige Dämpfe einatmen. Indiens Müllsituation klingt, so gesehen, durchaus düster.

Im Gespräch sind momentan  jedoch viele Lösungsansätze, von neuen Müllverbrennungsanlagen über lokale Kooperativen der MüllsammlerInnen bis zur Umstrukturierung der kommunalen Entsorgungsbetriebe. Angesichts der sehr müllreduzierten Lebensweise in Indien vor noch nicht allzu langer Zeit haben einige Händler auf lokaler Ebene bereits wieder auf umweltfreundlichere Verpackungen wie getrocknete Palmenblätter oder Zeitungspapier zurückgegriffen. Auch die Diskussion über das Verbot von Plastiktüten, bereits in Kraft im Bundesstaat Uttar Pradesh, sendet ein Signal für eine nachhaltigere Verpackungsweise.

TEXT Milena Grabers