Wohin mit dem Müll?

IMPRESSIONEN An Mülleimern mangelt es, Bäume werden dagegen zahlreich gepflanzt. Viele verschiedene Eindrücke zu dem Umgang mit Müll und Umwelt prägten den Freiwilligendienst unserer Autorin

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„You want?“ – Radika hält mir das Bonbon hin, dass sie gerade in der Sunday School geschenkt bekommen hat. „No, you take it“, erwidere ich, worauf das Mädchen sich achselzuckend die klebrige Süßigkeit in den Mund steckt. Das goldschimmernde Umwickelpapier segelt zu Boden. „Heeey, don’t let it fall on the ground!“, sage ich entrüstet, als ich mitbekomme, dass auch alle anderen Mädchen aus dem Heim ihren Abfall längst auf den Boden geschmissen haben. Hilfesuchend sehe ich mich um, aber natürlich gibt es weit und breit keinen Mülleimer. Es gibt auch keinen auf unserem zehnminütigen Nachhauseweg. Den Mädchen zu erklären, warum man ein einzelnes Papierchen zehn Minuten lang durch die Gegend schleppen sollte, wenn man dabei doch an so vielen Müllhaufen vorbei läuft, erscheint mir sinnlos. Ich wäre eine sehr schlechte Umweltaktivistin, denke ich, und schäme mich dafür. Den Kindern kann man keinen Vorwurf machen.

Zeitsprung.

„Das war lecker“. Janina und ich sitzen im Zug nach Madurai, auf unserem Schoß der Verpackungsmüll von unserem Mittagessen: Vegetarisches Biryani und Lemon Rice. „Kann ich es aus dem Fenster schmeißen?“, fragt sie mich ungeniert. Ich zögere. In unserem Umgang mit Müll sind wir mittlerweile schon viel zu angepasst. „Ich weiß nicht  …  wollen wir es nicht einfach aufheben und am Bahnhof wegschmeißen?“ Bahnhöfe gehören zu den wenigen Orten mit Mülleimern. „Es wird sowieso verbrannt,, ob neben den Gleisen, vor der eigenen Haustür oder woanders, es macht überhaupt keinen Unterschied.“ Während ich die Tüte unschlüssig in der Hand halte ergreift der ältere Mann uns gegenüber die Initiative, nimmt mir die Tüte aus der Hand und wirft sie hilfsbereit aus dem fahrenden Zug.

„Das wäre ja dann geklärt.“, sagt Janina.

Über fehlende Mülleimer habe ich mich in Indien genauso oft aufgeregt, wie über die Plastikverbrennung, wenn die Kinder mal wieder den allgemeinen Müllberg hinterm Haus in Brand setzten sollten – eine Müllabfuhr gab es bei uns nicht. Von Mülltrennung ganz zu schweigen. Diese Verbrennungsmethode ist mit Sicherheit nicht gesund, und ich wünsche mir, dass sich dieses Problem in den nächsten Jahren lösen lässt.

Andererseits wurden mir dadurch auch ein wenig die Augen geöffnet, wie viel Müll wir eigentlich täglich produzieren, insbesondere Plastikmüll. In Deutschland ist der Müll, einmal in der Tonne, aus den Augen und aus dem Sinn. Habt ihr schon einmal nachgedacht, was passieren würde, wenn die Müllabfuhr ein paar Wochen lang streiken würde? Wir würden buchstäblich im eigenen Müll versinken.

Ich bin wahrscheinlich nicht die einzige, die die kleinen Plastik-, Papier- und Biomüllansammlungen zwischen Häusern und Bordsteinen nur bedingt ästhetisch findet. Ja, es gibt noch viel zu tun. In Indien. Weltweit. Aber täglich sehe ich auch die Beispiele von Menschen, die sich für eine sauberere Zukunft stark machen.

Da wäre Anu, der ich im Februar 2016 auf unserem Zwischenseminar bei Vishakapatnam begegnet bin. Anu, 18 Jahre alt, ist Vorsitzende der Jugendorganisation „Green Ambassadors“, die sich für Umweltschutz und Nachhaltigkeit engagieren. Sie starten Projekte, in denen Kinder Bäume pflanzen, verschiedene Ökosysteme untersuchen und lernen, warum und wie man die Natur schützen sollte. Auch der Umgang mit Müll und dessen Entsorgung gehört dazu.

Da ist Salma, 14 Jahre alt, die mir lachend „Das hier ist Swachh Bharat“ zuruft, während sie den Besen schwingt und den Müll auf dem Heimgelände zusammenkehrt. „Swachh Bharat Abhiyan“, auf Deutsch „Mission sauberes Indien“, das ist eine Sauberkeitskampagne der indischen Regierung an deren Ziel ein sauberes Indien steht. 2014 unter Narendra Modi gestartet, sollen bis 2019 z.B. hundertzwanzig Millionen Toiletten gebaut werden, damit niemand mehr auf der Straße urinieren muss. Bis dahin ist es noch ein langer Weg – aber die Kinder wissen immerhin schon, worum es geht.

TEXT Clara Thier