Alles nur fürs Image?

BERICHT Mit der nationalen Offensive für ein sauberes Indien, Swach Bharat Abhiyan, versucht die indische Regierung seit zwei Jahren für flächendeckendere Sanitärversorgung und ein besseres Entsorgungssystem zu sorgen.

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Der Premierminister Indiens macht es vor, alle eifern ihm nach – so war wohl die ursprüngliche Idee. Ein Land von etwa 1,25 Milliarden Menschen, dass sich von einer Welle der Inspiration mitreißen lässt und jeden Tag ein wenig Zeit opfert, um die Nation einen Schritt näher zur angestrebten Sauberkeit zu führen. Am 2. Oktober 2014, Mahatma Gandhis Geburtstag, wurde mit riesigem Getöse „Swachh Bharat“, die „Kampagne sauberes Indien“, vorgestellt. Innerhalb von fünf Jahren bis zum 150. Geburtstag des gefeierten Freiheitskämpfers, kündigte Narendra Modi an, solle durch den Bau von privaten und öffentlichen Toiletten die Verschmutzung durch Exkremente komplett beseitigt und das offensichtliche Problem der nicht zureichend geregelten Müllentsorgung durch bereits existierende kommunale Entsorgungsunternehmen aus der Welt geschafft werden. Auch unter Einbezug des privaten Sektors.

Ein ehrgeiziger Plan für ein extrem bevölkerungsreiches und in jeder Hinsicht diverses Land wie Indien. Laut Weltbank haben nur 40% der Bevölkerung Zugang zu guten sanitären Einrichtungen. Konkret sind 120 Millionen neue Toiletten bis 2019 geplant, von denen laut den zuständigen Ministerien bereits fast 25 Millionen gebaut wurden. Dem inoffiziellen Recycling von Müll, wie es auf Indiens großen Müllkippen zu beobachten ist, soll im Zuge der besseren Müllverwertung beigekommen werden. Diese Aufgabe wird durch das Ministerium für Stadtentwicklung den jeweiligen kommunalen Körperschaften übertragen, die größtenteils mit Geld unterstützt werden.

Bei der Umsetzung scheint es aber einige Probleme zu geben. In Delhi zum Beispiel deckte die Hindustan Times erst Mitte September auf, dass nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der durch das „Swachh Bharat“-Programm zur Verfügung gestellten Mittel bereits verwendet wurden – bei der Southern Delhi Municipal Corporation gerade einmal 0,25%. Von mehr als 30.000 geplanten Toiletten für private Haushalte bis März 2016 war dort nicht eine einzige gebaut worden.
Knapp ein Jahr nach dem Start des Programms gab die Regierung eine Studie zur Nutzung der in ländlichen Regionen gebauten Toiletten beim „National Sample Survey Office“ in Auftrag, die befand, dass nur 46% der gebauten Toiletten überhaupt benutzt werden. Andere Toiletten verfielen, während wieder andere von ihren BewohnerInnen kurzerhand in Abstellkammern umfunktioniert wurden. Dieser Report wurde von der indischen Regierung für mehrere Monate der Öffentlichkeit vorenthalten, aus Angst, dass die Ergebnisse der Opposition in die Hände spielten könnten.
In Sachen Mülltrennung soll nach dem Willen der Planer auf zentralisierte Lösungen gesetzt werden, dadurch wird aber die allein in Delhi mehr als 300.000 Menschen starke Armee der MüllsammlerInnen vergessen. Diese Masse der herabgewürdigten inoffiziell Schuftenden nimmt sich in großen Städten Indiens dem Großteil der Mülltrennung an – direkt auf den riesigen Müllkippen, knietief im Abfall watend, natürlich ohne Schutzkleidung und festen Wohnsitz.
In Pune hat man dieses ungerechte System als Chance für Entwicklung gesehen. Die ArbeiterInnen haben sich zusammengeschlossen und helfen jetzt mit ihrem Kollektiv „SWaCH“ ganz offiziell der Stadt bei der Entsorgung und sich selbst aus der Ungewissheit und Illegalität. Eine ähnliche Organisation in Delhi, Safai Sena, hat das Konzept übernommen und sorgt zum Beispiel durch das Leeren von Mülltonnen für mehr Sauberkeit. Den ArbeiterInnen werden außerdem die Orte und Ressourcen geboten, um den Müll auf professionelle und für sie sichere Weise zu trennen.

“Swachh Bharat” versuchte unter anderem mithilfe von unbeholfen besenschwingenden Prominenten, wie Bollywood-Superstars und Cricket-Wunder Virat Kohli und Sachin Tendulkar, eine virale Welle des zivilen Engagements für ein sauberes Indien zu schaffen. Das Ganze verebbte leider ziemlich schnell wieder. Was es braucht, und da sind sich viele Bürger einig, ist eine zentral geregelte Sanitärversorgung und Müllentsorgung, bei der auch die momentan marginalisierten ArbeiterInnen einbezogen werden. Hier kann das Programm für manche Menschen auch den Ausweg aus Armut und informeller Arbeit bedeuten. Bis dahin ist es aber, vor allem angesichts der aktuellen Entwicklung, noch ein weiter Weg für das Projekt – man darf gespannt bleiben.

 

TEXT Benjamin Lang