Was wir hinterlassen

Müll – das ist, was wir loswerden wollen, was wir nicht mehr gebrauchen können, was keinen Wert mehr für uns hat. Wir lassen es unauffällig aus unserer Hand gleiten, stopfen es in Plastiksäcke oder verbrennen es zu grauer Asche. Aus dem Auge aus dem Sinn. Hauptsache weg damit. Doch unsere Abfälle verschwinden nicht, nur weil wir sie nicht mehr sehen.
TEXT Paula Heidemeyer

Deutschland wird oft für seine Mülltrennung gelobt. Wir sind dabei nicht so akribisch wie die Menschen in Japan, die PET-Flaschen ausspülen und sogar getrennt von Etikett und Deckel entsorgen. Aber wir trennen den Müll. Wir haben den „grünen Punkt“, sammeln Altpapier und sortieren unser Altglas nach Farbe. Es gibt uns das gute Gefühl nicht wirklich „Müll“ zu produzieren, denn es wird ja wieder verwendet.

Was wir dabei oft aus den Augen verlieren ist, dass es sich um einen Prozess des „Downcycling“ handelt. Das heißt der Abfall wird zu etwas verarbeitet, was minderwertiger ist als das ursprüngliche Produkt. Recyceltes Papier hat zum Beispiel eine leicht gräuliche Farbe und ist bei KundInnen deutlich unbeliebter als die strahlend weiße Alternative. Plastik wird zwar wieder eingeschmolzen, doch die neuen Produkte sind von schlechterer Qualität. Aus einer recycelten PET-Flasche darf nicht noch einmal eine Lebensmittelverpackung hergestellt werden; stattdessen landen die Plastikfasern in Fleece-Pullovern oder Kuscheltieren. Der Kunststoff ist also nicht ewig wieder verwendbar, sondern kann irgendwann nur noch verbrannt werden.

Generell werden in Deutschland nur ca. 40% der Plastikabfälle recycelt und wieder eingesetzt. Sortieranlagen erkennen die Joghurtbecher nicht, wenn sie sich hinter nicht-wasserlöslichen Etiketten verstecken. Produkte wie Chipstüten bestehen aus so genannten Mischkunststoffen, die nur schwer voneinander zu trennen sind, so dass sich der Kostenaufwand für die Recyclinganlagen angeblich nicht lohnt. Und selbst reines, qualitativ hochwertiges Plastik wird von der Entsorgungsindustrie teilweise einfach an die Müllverbrennungsanlagen verkauft, da diese mehr Geld für die Abfälle zahlen als die Recycling-Branche. Es wird verbrannt, wie unser sogenannter „Restmüll“.

Keine Entsorgung ist sauber

Die deutschen Müllverbrennungsanlagen gelten als eine Möglichkeit, Abfall möglichst schadstoffarm verschwinden zu lassen. Laut einer Greenpeace-Studie aus dem Jahr 2011 blasen die Schornsteine der Anlagen allerdings immer noch große Mengen an giftigen Schadstoffen in die Atmosphäre. Unkontrollierte Müllverbrennung – eine übliche Entsorgungsmethode in vielen Haushalten des Globalen Südens – steht im Ruf sogar noch mehr Gase und größere Schmutzpartikel abzusondern. Da diese Feuer allerdings nirgendwo registriert sind ist es schwer, genaue Hochrechnungen zu machen. Amerikanische WissenschaftlerInnen veröffentlichten 2014 Schätzungen, die davon ausgehen, dass 40% des globalen Müllaufkommens unkontrolliert verbrannt wird. Den Müll einfach liegen lassen? Das ist leider auch keine Alternative, denn Regen wäscht einige Schadstoffe aus und nimmt sie mit auf seinem Weg in den Erdboden und somit ins Grundwasser.

Müll außerhalb der Tonne

Doch Abfall ist nicht nur das, was wir in unsere Mülltonnen schmeißen oder hinter unserem Haus verbrennen.

Es ist auch, was wir tagtäglich in unseren Erdboden ablaufen lassen. Seien es die Schwermetalle aus Industrieabfällen, die Chemikalien und Pestizide mit denen wir die Felder düngen oder die Salze, die wir im Winter auf unsere Straßen streuen, um den Schnee schmelzen zu lassen. Sie alle tragen zur sogenannten Bodenkontaminierung bei, was bedeutet, dass bestimmte Substanzen im Erdboden in einer höheren Konzentration auftreten, als natürlich ist. Wie schädlich dieses Ungleichgewicht sein kann, bemerken mir meist erst dann, wenn wir selbst betroffen sind. Wenn zum Beispiel in Wohnvierteln, die auf alten Industriegeländen gebaut sind, die Zahl der Krebsfälle in die Höhe schießt.

Oft leitet die Regierung des jeweiligen Ortes dann eine „Sanierung“ ein. Damit ist ein Prozess gemeint, der versucht die giftigen Stoffe zu binden und somit zu entfernen. Doch selbst das Umweltbundesamt schreibt auf seiner Webseite: „Die Sanierung ist lediglich eine Ersatzmaßnahme. Ursprünglicher Boden und seine Funktion stehen nachfolgenden Generationen nicht mehr zur Verfügung.“

Abfall ist auch, was wir in die Luft blasen, die uns umgibt. Denn selbst wenn sich der schwarze Qualm einer Rußwolke schnell verflüchtigt: Ruß,  Schadgase und bodennahes Ozon bleiben einige Tage, teilweise sogar Wochen in der Atmosphäre, bevor sie abgebaut sind. Methan benötigt ganze zehn Jahre. Und CO2 – das führende aller Treibhausgase – ist erst nach einem Jahrhundert wieder aus der Atmosphäre verschwunden. Was wir heute aus unseren Autos, Bussen und Flugzeugen blasen, der Qualm, der in die Luft steigt, wann immer wir etwas verbrennen, es ist eine Hinterlassenschaft für unsere EnkelInnen und UrenkelInnen.

Schon heute ist Luftverschmutzung ein enormes Problem, vor allem in Großstädten. Laut einer Unicef-Studie atmet jedes siebte Kind auf dieser Erde Luft ein, dessen Verschmutzung die internationalen Grenzwerte überschreitet. Dreckige Luft gilt als die führende Umweltursache für den Tod von Menschen – und hat sicher auch viele Tierleben auf dem Gewissen. Denn es ist die Luftverschmutzung, die Wissenschaftler für 50% unserer globalen Erwärmung verantwortlich machen.

Und schließlich ist Abfall auch, was wir in unser Wasser leiten. Die Menschen haben Wasser schon immer auch dazu genutzt ihren Müll wegzuspülen – eine einfache Methode ihn zu entsorgen. Mehr als bei anderen Methoden, entsteht der Trugschluss, der Müll sei einfach verschwunden. Doch spätestens seit der industriellen Revolution und des Bevölkerungswachstums übersteigen Giftigkeit und Quantität der Abwässer das, was unsere Flüsse und Ozeane schlucken können.

Schon ein Papiertaschentuch braucht ungefähr drei Wochen bis es vom Meer abgebaut worden ist. Bei Sperrholz sind es bis zu drei Jahre. Bei einer Plastikflasche ganze 450 Jahre! Hätte Goethe kurz vor seinem Tod eine Plastikflasche ins Meer geschmissen, bräuchte sie jetzt noch 266 Jahre um zu verrotten. Und das ganze wäre nur halb so schlimm, würde uns unser Müll lediglich beim Schwimmen stören und unsere Strände verschmutzen. Leider tauchen immer wieder Bilder von Seevögeln auf, die verhungert sind, weil ihre Mägen voll mit Plastik waren, das sie nicht verdauen können. Der Ozean ist Teil der Natur, eines großen zusammenhängenden Organismus – so komplex und so fragil, dass er von zu vielen bunten Kunststoffen durcheinander gebracht werden kann.

Aller Abfall kommt aus der Natur

Das Erdöl in unserem Plastik, der Brennstoff für unsere Feuer, das Uran in unseren Atomkraftwerken – die Rohstoffe für alles, was wir herstellen, stammen irgendwo aus der Natur. Doch wir Menschen verwandeln es in etwas anderes, giftiges, etwas, das der Natur schadet. Und wissen dann nicht wohin damit.

Wir sprechen von unserer Gesellschaft gerne als „fortschrittlich“ und „entwickelt“. Wenn man sich die Entwicklung unserer Müllberge und Abfallstoffe anschaut, so ist unsere Entwicklung in jedem Fall eine Entwicklung, die sich immer mehr von der Natur und natürlichen Prozessen entfernt.

Der deutsche Chemiker Michael Braungart und der US-amerikanische Architekt William McDonough haben 2002 ein Buch veröffentlicht. „Cradle to Cradle“ heißt es, oder auf deutsch „Von der Wiege in die Wiege“. Darin stellen sie ihren Gedanken der Ökoeffektivität vor. Es ist ein Gegenmodell zu dem üblichen Abfalldenken, bei dem aus jeder Art von Rohstoff am Ende auch ein Abfallprodukt entsteht. Ökoeffektivität hingegen sieht „Abfall als Nahrung“ und möchte Nährstoffe natürlicher oder technischer Art (zum Beispiel Energie), in einem ewigen Kreislauf des Wiederverwendens halten. Statt Autos zu bauen, die weniger verbrauchen (während gleichzeitig immer Menschen auf der Erde ein Auto kaufen), möchte das Modell der Wissenschaftler die Abgase einfangen und für etwas anderes, zum Beispiel Brennstoff nutzen, so dass im Endeffekt gar kein „Abfall“ entsteht.

Klingt utopisch? Dabei ist es eigentlich natürlich. Ein Baum produziert jeden Herbst eine Menge Abfall, wenn er seine alten, braunen Blätter abwirft. Er braucht sie einfach nicht mehr. Doch auf dem Erdboden wird der Müll des Baums zu Nahrung für andere Organismen. Wir Menschen waren eins Teil dieses Kreislaufes. Wir haben aus der Natur genommen was wir brauchten und mit unserem Abfall etwas an die Natur zurückgegeben. Doch über die Jahre und Jahrhunderte, in denen wir uns zu unserer heutigen Menschheit mit all ihren Angewohnheiten und Eigenschaften entwickelt haben, haben wir eines nicht geschafft – unseren Abfall umweltfreundlich zu entsorgen und somit den natürlich Kreislauf aufrecht zu erhalten.