20160124Malathi
Malathi Bharat ist Managerin der Karl Kübel Foundation for Child and Family (KKF) in Mankarai, Tamil Nadu.

EXPERTENBEITRAG Als fortschrittliche Gesellschaft befindet sich Indien – bezüglich Gesundheitsaufklärung – zwischen materieller und immaterieller Kultur. Die Drei Faktoren Zugänglichkeit, Bezahlbarkeit und Möglichkeit überschneiden sich weiterhin. In dem Gebiet der sexuellen Gesundheit und Geburten ist die Herausforderung hoch, bedingt durch Inkompetenz, geringe Investitionen in Aufklärung, unzureichend ausgebildetes Schulungspersonal, kulturelle Vorschriften und Mythen.

Die Verbreitung von sexuellem Missbrauch uns sexueller Gewalt betont die Wichtigkeit des Rechts auf gesundheitliche Aufklärung. Verschiedene Ansätze, basierend auf Geschlecht, Institutionen, Familie, KollegInnen und Technologie, werden benötigt, um verschiedene Teile der Bevölkerung – Kinder, Jugendliche, Paare, ArbeitgeberInnen und PolitikerInnen – zu erreichen.

Sozio-biologisch sind Kindesgeburten der Rolle der Frau zugeschrieben. Frauen sind häufig mit wenigen Informationsmöglichkeiten allein gelassen: GeburtenhelferInnen, Krankenhauspersonal und Familienangehörige. Die Hausbesuche von NGO-MitarbeiterInnen motivierten Frauen dazu, Bildungsstätten zu besuchen, um an Seminaren teilnehmen. Zu Beginn liefen die Frauen mit einem Strohkorb zu den Seminaren – um ihre Männer im Glauben zu lassen, dass sie zum Wochenmarkt gehen. Tatsächlich aber handelte es sich um eine Schulung über Sexualität und Geburten. Solche sporadischen Versuche haben zu wenigen Veränderungen geführt. Es schien essentiell, bei den Männern, den Entscheidungsträgern, anzusetzen. Als Strategie wurden Männer zu Seminaren über Politik, Einkommensbeschaffung und allgemeine Gesundheit eingeladen. Einheiten über Frauengesundheit während der Schwangerschaft und nachgeburtliche Versorgung wurden zwischendurch eingefügt. Der Ansatz, mit Männern für die Verbesserung der Gesundheit ihrer Frauen zu arbeiten, bleibt entscheidend und steht noch am Anfang.

Spielt das Alter in der Vermittlung von Informationen über Kindesgeburten eine Rolle? Viele Seminare und das dazugehörige Feedback zeigen, dass Mütter nach den Seminaren Informationen aus erster Hand von ihren Töchtern erhielten. Frauen, die sich nicht getraut haben, an den Workshops teilzunehmen, haben neugierig versucht, durch ihre Töchter an die Informationen zu gelangen. Die Beratung jugendlicher Mädchen hat dazu geführt, dass die Informationen sich zu deren Müttern und anderen Frauen verbreitet haben. Einige beauftragten ihre Töchter, für sie ihre Zweifel aufzuklären. Dieser Versuch führte unbeabsichtigt auch dazu, dass Mädchen sich gegen ihre eigenen und andere frühe Heiraten aussprachen.

Institutionen wie Schulen, Fabriken und Büros haben eine schützende Rolle, indem sie Wege der Kommunikation eröffnen. In Schulen fürchten sich LehrerInnen häufig davor, von Kindern mit dem Thema Sex konfrontiert zu werden. Die Hauptverantwortlichen in der Kinderaufklärung – Eltern, LehrerInnen, Regierung und Management – verweisen häufig auf andere, nicht genug zu tun. Die Hauptgefahr wird darin gesehen, dass die Kinder viele Dinge mit unvorhersehbaren Konsequenzen ausprobieren könnten. Dies ist auch in Brückenschulen und Kinderheimen der Fall. Als unsere deutschen Freiwilligen versucht haben, sexuelle Aufklärung zu vermitteln, zeigten sich viele Mädchen neugierig, während die LehrerInnen in der Regel zu schüchtern waren, die Themen direkt anzusprechen. Beispielsweise bat ein Lehrer immer die Kinder gebeten, Dinge bei den Freiwilligen zu erfragen. Darunter waren einfache Fragen über Pickel oder Regelschmerzen, aber auch zahlreiche persönliche Fragen über Kindesgeburten. Dies zeigt, dass die LehrerInnen keine KollegInnen haben, mit denen sie die Themen offen besprechen können.

Wirtschaftliche Bedürfnisse zwingen Mädchen dazu, in Fabriken oder Hostels zu bleiben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dort werden entsprechende Themen gar nicht oder nur in sehr geringem Maße behandelt. Nach den Seminaren erhalten wir häufig Anrufe bezüglich Unklarheiten zu vorehelichen sexuellen Aktivitäten oder Kindesgeburten. Darüber hinaus fördern die langen Arbeitszeiten Gesundheitsrisiken wie z. B. Infektionen des Urinweges, Komplikationen mit der Menstruation, Haarausfall, psychischen Stress und vieles weitere. Frauen aus Arbeiterschichten haben wenige Mittel dazu, ihre Stimme gegen Gewalttaten zu erheben und ihre Rechte einzufordern. Ebenso schwierig ist es, während der Arbeitszeiten in den Fabriken ein Zeitfenster zu erhalten, um die nötigen Informationen zu vermitteln. Jede verlorene Minute bedeutet eine geringere Produktion der Fabrik.

Smartphones und Tablets machen Informationen leichter für Kinder zugänglich. Dies fördert einen freien Informationsfluss in allen Altersgruppen. Gleichzeitig können aber nur diejenigen die Informationen beziehen, die tatsächlich entsprechende Geräte besitzen. Es gibt vielfältige Apps und Videos, die sich auf Aspekte der sexuellen Gesundheit beziehen, eine sichere Geburt zu Hause eingeschlossen. Heute haben viele Kinder verschiedene Informationsquellen und werden dafür bestraft, diese in der Schule zu verwenden. Die Situation verkompliziert sich, da LehrerInnen in der Regel weniger Wissen im Umgang mit technischen Geräten haben.

Eine Befürchtung ist, dass während Mädchen viele Möglichkeiten haben, um an Informationen zu Kindesgeburten zu gelangen, Jungen weniger Möglichkeiten gegeben sind. Wer kann versichern, dass jemand die richtigen Informationen im richtigen Alter bekommt?

Malathi Bharat
Übersetzt von Manuel Simon